Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Läuterung
#61
Inquisitoren waren auf Koron 3 keine gänzlich fremde Begrifflichkeit – wenngleich nur ein Bruchteil der Bevölkerung um die wahre Bedeutung dieser Einrichtung wusste. 
Doch ihren Namen kannte jedes Kind.
Das hatte vor allem mit dem Gemälde Triumph des Imperiums zu tun. Dem berühmten Werk des mindestens ebenso berühmten Severan Vult Maccabion, der den Einmarsch der imperialen Armee auf vier mal acht Metern Leinwand gebannt hatte. 
Mit breitem, fast handwerklichem Pinselduktus für die Massen der Soldaten im Hintergrund, während die Vordergrundfiguren in lasierender Ölmalerei ausgearbeitet waren – die Uniformen in tiefem Karmesinrot und gebrochenen Goldtönen, die Gesichter der Sieger in kaltem, fast sakralem Licht. Das Werk war heute im Museum für Heroische Kunst zu besichtigen. Eigentlich berühmt geworden war es jedoch durch die zwanzig mal vierzig Meter große Replik in der Bahnstation der Ebene 2-A21. 
Dadurch erlangte das Bild nicht nur Bekanntheit als Sehenswürdigkeit Gohmors, sondern wurde auch zur Pflichtlektüre für koronische Scholakinder. Diese hatten das zweifelhafte Vergnügen, Aufsätze über Maccabion, seine Bedeutung für die gohmorische Kunst nach dem Krieg der Häuser sowie Interpretationen und Deutungen des Werkes zu verfassen. Kinder der umliegenden Ebenen unternahmen Ausflüge zur Bahnstation, um das Riesenwerk in Augenschein zu nehmen.
Teil dieser, von manchem Scholaren gewiss als Tortur empfundenen Prozedur war auch die Bestimmung der dargestellten Gruppen: die Soldaten der imperialen Armee samt ihrer jeweiligen Regimenter, Farben und Insignien; die geläuterten Koroner im Mittelgrund, die Hände zum Segensgruß erhoben; die niedergeworfenen Teufelsanbeter Rasankurs und ihre jammernden Vasallen, die den Rand des Bildes ausmachten, zu Boden gezwungen oder in Ketten. 
Weiter fanden sich ein Feldmechanikus, sowie eine Gruppe koronischer Würdenträger, die der imperialen Standarte huldigten – alles eingebettet in die rauchende Kulisse einer halb zerstörten Stadtlandschaft, über der das Aquila im Morgenrot thronte.
Drei Figuren jedoch waren im oberen linken Segment zu sehen, halb verborgen hinter der mächtigen Schulter eines Space Marines der Bellatouri Augusti. Gestalten im Schatten, mehr angedeutet als klar ausgearbeitet. Man konnte Atemmasken und hohe Hüte erahnen. 
Die drei Inquisitoren – wie jeder Fünftklässler brav hätte aufsagen können. Sie waren an der Befreiung und Läuterung des Planeten beteiligt gewesen. Wie diese Beteiligung jedoch ausgesehen hatte und welche Rolle sie bei der Rückeroberung genau gespielt hatten, darüber schwiegen die Schulbücher ebenso wie die Folianten in den Universitäten.
So wusste jedes Kind auf Koron einen Inquisitor zu benennen – ohne zu wissen, was dieser war oder wofür er stand.

Gallianos Geyer hätte durchaus in das Bild gepasst, das sich ein Kind von einem Inquisitor gemacht haben mochte – hätte jenes Kind, die vagen Andeutungen des Triumph des Imperiums als einzigen Motor seiner Fantasie gehabt.
Geyer war groß. Über zwei Meter, und von einem Dürrsein, das weniger an Magerkeit durch mangelnde Nahrung, als an eine grundsätzliche Reduzierung des Menschlichen erinnerte – als habe man ihn auf das Notwendige destilliert und dabei großzügig auf alles verzichtet, was Fleisch, Fett und Wärme hätte sein können. Sein Gesicht trug das Gepräge eines Mannes irgendwo jenseits der hundert, dem man jedoch im fünften Lebensjahrzehnt untersagt hatte, weiter zu altern. Ein Unternehmen, das er mit einigem Erfolg verfolgte – aber eben nicht mit vollständigem. Die Zeit hatte sich in ihm eingenistet wie ein ungebetener Gast, der zwar aus den großen Zimmern vertrieben worden war, in den Winkeln und Ritzen jedoch nach wie vor hauste. Die Haut über seinen Wangenknochen war zu straff, die über seinen Händen zu dünn; die Augen dagegen wirkten seltsam jung, als hätten sie schlicht vergessen, wie alt der Rest von ihm war.
Was seine körperliche Verfassung betraf, bot Geyer das Bild einer Ambivalenz, die jede schlüssige Einschätzung im Ansatz erstickte. Wer ihn das erste Mal sah, neigte dazu, ihn für gebrechlich zu halten – der zweite und dritte Blick ließen Kraft und Beweglichkeit in seinem Gebaren erahnen. Konnte er einen Widersacher aufnehmen und ihn wie eine nachlässig weggeworfene Puppe quer durch einen Raum schleudern? Oder würde der kleinste Luftzug genügen, ihn wie ein Stück Papier davonzuwehen?
Er trug eine schwarze Robe, lang und ohne Verzierung, aber durchsetzt mit Spangen und Rippen, die dem Kleidungsstück etwas Organisches verliehen. Einziger Schmuck war eine kleine silberne Kette, die das Symbol des Inquisition darstellte.
Hinter ihm schob ein blasser, unscheinbarer Akolyth einen vierrädrigen Wagen über den Bunkerbeton – eine Apparatur aus leise schnaufenden Kolben und schwach glühenden Glasgefäßen, deren Inhalt in sonderbaren Farben changierte. Von dem Gerät gingen Kabel und Schläuche aus, die unter Geyers Robe verschwanden, um dort, der Imperator mochte wissen, was für Aufgaben zu übernehmen.
Als er nach ihrer kurzen Pause den Raum betrat, war es Kruger, der mit langezogenem A und einer Lautstärke, die keinen Zweifel an seiner Herkunft ließ, Aachtung! rief. Die beiden anderen Soldaten nahmen zackige Haltung an; auch der Arbites straffte sich, die Hände zum Adlersymbol über die Brust gelegt.
Elvire, die abseits der Tür stand, machte einen Gesichtsausdruck, der gelinde Überraschung verriet. Der Inquisitor verzog keine Miene. Doch wer genau hinsah, mochte so etwas wie Wohlwollen im Glanz seiner Augen erkennen – flüchtig, und vielleicht auch nur das, was man hineinsehen wollte.

Setzt Euch, meine Herren.
Meine Name ist, wie sie gewiss bereits in Erfahrung gebracht haben, Gallianos Geyer. 
Ich habe euch persönlich in den Dienst der heiligen Inquisition des Ordos Xenos berufen. Ihr alle seid oder wart Soldaten, du ein Angehöriger des Adeptus Arbites. Ihr alle habt das Dienen gelernt, ihr alle habt eure Pflicht zum Schutz des Imperiums und seiner Bürger geleistet. 
Ihr habt gelitten und geblutet, habt Kameraden und Freunde verloren. 
Und doch waren all diese Opfer nichts, im Vergleich zu dem was ich von euch abverlangen werde. Ich verlange nichts weniger von euch, als euch aufzugeben. Eure Ziele und Träume im Leben, die Dinge, die ihr zu erreichen hofft, den Reichtum, Ruhm oder das persönliche Glück, das ihr euch vielleicht ersehnt. 
Vergesst all das! 
Wie Ich, wie Elvira hier und wie die Männer und Frauen vor der Tür, seid ihr jetzt Werkzeuge des Gottkaisers. Wir sind das Schwert und das Schild, dass die Hiebe des Xenos abwehrt und seinerseits tödliche Streiche gegen ihn führt. Wenn wir versagen, geht kein Grabenabschnitt verloren, keine Schlacht wird zu Niederlage, kein Viertel fällt kriminellen Elementen in die Hände. 
Wenn wir versagen brennt eine Welt. 
Dann sterben Milliarden. 
Darüberhinaus entsteht dann ein Riss im Bollwerk des Imperiums, durch welchen das Gift des Aliens einsickern kann. Vielleicht fragt ihr euch “warum ich?” und tatsächlich seid ihr das Fundament einer neuen Agentengruppe, die ich aufbaue. Eure Vorgänger haben ihm Dienst für die Menschheit ihr Leben gegeben und sie haben es in dem Wissen gegeben, einer gewaltigen Sache zu dienen. 
Wenn unsere Zeit dereinst kommen sollte, dann werden auch wir es mit Freude dem Xeno entgegenschleudern.
Aber… und jetzt schlich sich ein wenige Milde in seine Stimme, versteht euch deswegen nicht als Todgeweihte. 
Zum einen bin auch ich durchaus erpicht darauf, die Früchte unseres Tun als Lebender zu genießen, zum anderen lässt sich die Zeit zwischen den ernsten Dingen durchaus angenehm gestalten. 
Zu den ernsten Dingen wollen wir jetzt allerdings kommen. 
Elvira hat euch bereits die Grundlagen der Genräuberpest erläutert. Ich selbst konnte im Gespräch mit dem Subjekt, dass ihr hierher überführt habt, ein paar Dinge herausfinden.
Koron 3 wird seit langer Zeit von der Genräuberpest heimgesucht. 
Länger, als die meisten wissen. Länger, als die meisten wissen wollen.
Vielleicht habt ihr von der Casiov-Revolte gehört. Eine Fußnote der lokalen Geschichte. In dem Regionenbund der sogenannten Föderalen Union wohl wichtigerer Stoff für den Geschichtsunterricht als in Gohmor. Kriegerbund, sektenartige Züge, innere Radikalisierung – so lautet die offizielle Lesart, und sie ist nicht falsch. Sie ist lediglich unvollständig.
Im Jahre 150 der hiesigen Zeitrechnung, befanden sich achtzig Prozent des stehenden Heeres der Föderalen Union sowie die gesamte Waffenproduktion des Landes in einer einzigen Provinz. Casiov, im Norden. 
Was man die Grüne Zitadelle nannte – benannt nach den kupfergedeckten Dächern, die im Kontrast zur ewigen Schneelandschaft ein recht pittoreskes Bild abgaben haben muss. Eine Festungsprovinz, vollständig auf den Kriegsdienst ausgerichtet, weitgehend autark und durch die Kollektivierung der Orilow-Ära strukturell von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten. Die Zentralregierung interessierte sich nicht für das Befinden der dort stationierten Männer und Frauen. Man interessierte sich für die Produktionsquote. Solange Panzer und Artilleriegeschütze die Fließbänder verließen, war die Welt in Ordnung.
Aber die Welt war alles andere als in Ordnung.
Was sich in jenen Jahrzehnten der Isolation entwickelte, begann unauffällig. Zunächst schrieben die Soldaten seltener nach Hause. Dann gar nicht mehr. Fabrikarbeiter stellten die Korrespondenz mit Angehörigen ein oder holten Letztere schlicht in die Zitadelle nach. Das geschah nicht von heute auf morgen – es war eine schleichende Tendenz, über Jahre, über Jahrzehnte. Als die Produktionsquoten leicht absanken und Untersuchungen eingeleitet wurden, fand man natürliche Erklärungen, verhängte die üblichen Strafmaßnahmen und ließ es dabei bewenden. Ein Fehler, dessen Ausmaß man sich damals nicht vorstellen konnte.Am dreiundzwanzigsten Tag des Jahres 172 riss jede Kommunikation mit der Provinz ab. Entsandte Technikergruppen kehrten nicht zurück. Zwei Tage später begann der Angriff.
Seine Stimme blieb gleichmäßig, fast nüchtern, als referiere er über Wetterdaten.
Tausende Panzer brachen aus den Schneestürmen hervor. Leman-Russ-Kampfpanzer in diversen Konfigurationen, Eigenproduktionen vom Typ Blizzard, Überreste aus der Epoche der Superpanzer – eine Streitmacht von einer Größenordnung, die man im tiefsten Winter schlicht für unmöglich gehalten hatte. Sie kamen ohne Infanterieunterstützung. Sie besetzten keine Gebiete, errichteten keine Versorgungslinien, stellten keine Forderungen. Sie vernichteten. Dörfer, Kleinstädte, Siedlungen – alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Nachgeführte Artillerieverbände unterstützten eine Strategie der verbrannten Erde, die jeden bekannten militärischen Zweck vermissen ließ.
Und dann war da noch etwas anderes.
In den Nächten verschwanden Patrouillen. In Bunkern und Kelleranlagen, in den Tunnelsystemen der Untergrundbahn, wo die Zivilbevölkerung Schutz gesucht hatte, ertönten Schreie. Zeugenberichte beschreiben Gestalten – annähernd menschlich, aber schneller, zäher, in manchen Fällen den Monstern aus Alpträumen näher, als den Schrecken die Degeneration und Mutation mit sich bringen. Ihr werdet nach euren eigenen Erfahrungen und Elviras Ausführungen wissen mit was es die Angegriffenen dort zutun hatten. Die Überreste dieser Kreaturen überdauerten die Kämpfe nicht – eine Tatsache, die ich für bedeutsam halte und auf die ich gleich zurückkommen werde.
Als Gohmor mit seiner Panzerstärke eingriff und die Casiover bei den eganastischen Ebenen zum ersten Mal wirklich gestellt wurden, bot sich den Soldaten ein sonderbares Bild. Der Feind wich nicht zurück. Er zeigte keine Furcht. Das Konzept des Rückzugs schien ihm vollständig fremd zu sein – einzelne Panzer warfen sich gegen hoffnungslos überlegene Kräfte, als wären sie sich der Aussichtslosigkeit schlicht nicht bewusst. Oder als wäre es ihnen gleichgültig.
Und als man die ersten Gefangenen machte, wurden die Fragen nicht weniger.
Schwarze Augen. Scheinbar zugefeilte Zähne. Geburtsdefekte, die auf generationenübergreifende Veränderungen hindeuteten, nicht auf einzelne Missbildungen. Eine Aggressivität, die auch in Gefangenschaft nicht nachließ und die in vielen Fällen nur durch tödliche Gewalt zu beenden war. Die Gefangenen, derer man habhaft wurde, bissen sich die Zunge ab. 
Töteten sich gegenseitig. 
Töteten sich selbst. 
Als Informationsquelle waren sie vollständig wertlos – nicht aus Fanatismus, wie man damals annahm. Oder zumindest nicht nur. 
Indoktrinierte Indologie hat sicher seinen Teil beigetragen, aber die rückhaltlose Todesverachtung stammte daher, dass diese Kämpfer Teil eines Netzwerkes waren.
Hinzu kam das technische Rätsel, das bis heute in keiner offiziellen Abhandlung befriedigend erklärt wird. Die Panzer verfügten über keinerlei Funkausrüstung. Keine Empfänger, keine Sender. Und dennoch agierten die Verbände mit einer Koordination, die selbst erfahrene Militärs in Erstaunen versetzte. Die offiziellen Erklärungen sprechen von vorher festgelegten Angriffsplänen, von ausgefeilter Disziplin, von Handzeichen. Eine bequeme Erklärung. 
Die Wahrheit ist: Die Casiover brauchten keinen Funk, weil sie einander hörten. Nicht mit Ohren. Nicht über Technik. Durch das, was in ihnen wohnte.
Das Ende des Krieges folgte dem gleichen Muster, nur ins Extreme gesteigert. Als die Belagerungsringe um die Zitadelle sich schlossen und die ersten Einheiten in den Hauptring vordrangen, sprengten die Casiover ihre eigenen Plasmareaktoren. Kollektiv. Gleichzeitig. Die Explosion – in Verbindung mit den Munitionsdepots und Waffenfabriken – verwandelte die gewaltige Festungsstadt in ein Meer aus grünem Plasmafe­uer, das drei Monate lang brannte. Und an eben diesem Tag, innerhalb von Stunden, brach an jeder Front jeder verbliebene Widerstand zusammen. Überall dasselbe Bild: Männer, die ins offene Feuer liefen. Panzer ohne Munition, die sich auf Stellungen zubewegten. Ein Heer, das aufhörte zu existieren, nicht weil es besiegt worden wäre, sondern weil etwas in ihm aufgehört hatte zu schlagen.
Er sah die Versammelten nun direkt an.
Das ist das Wesen des Genräubers. Er ist kein Parasit im banalen Sinne des Wortes. Er verändert seinen Wirt – langsam, methodisch, über Generationen, wenn nötig. Er vernetzt seine Träger. Schafft aus Individuen ein Kollektiv, das einer gemeinsamen Steuerung folgt. Was ihr in den Tunneln Norfgots als Monster beschrieben findet, waren Menschen in fortgeschrittenen Stadien dieser Veränderung – Träger, die den Übergang bereits vollzogen oder begonnen hatten. Die Überreste wurden nicht zufällig nicht geborgen. Sie wurden gezielt entfernt. Der Feind schützt seine Geheimnisse auch über den Tod seiner Wirte hinaus. Das Sperrgebiet um die Zitadelle besteht bis heute. Offiziell wegen der Strahlungsgefahr. In den Trümmern der äußeren Ringe kam es zu einer Reihe von Morden an Touristen – gut situierte Leute, die sich Führungen kauften und nicht zurückkehrten. Die Fälle wurden nie aufgeklärt. Offiziell. Eine Zeit lang kursierten Verlautbarungen, Ermittler von höchster imperialer Stelle würden sich der Sache annehmen. Danach fragte niemand mehr nach. Wer klug war, tat das jedenfalls nicht. Vielleicht wollte die Nation diese Unreinheit in den eigenen Reihen verleugnen und unter den Teppich kehren. Aber es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass überlebende Genräuber, die es ganz zweifelsohne gab, in den Reihen derer zu finden waren und vermutlich immer noch zu finden sind, die die nationale Schande vermeidlich verschleiern sollen. Eine Eitelkeit, welche dem Feind in die Hände spielt.
Das ist die Vergangenheit dieses Planeten. 
Sie ist relevant, weil sie uns die Arbeitsweise des Feindes zeigt. Seine Geduld. Seine Fähigkeit, sich in bestehende Strukturen einzugraben – in eine Armee, in eine Provinz, in eine gesamte Gesellschaft – und diese von innen heraus umzuformen, über Jahrzehnte, ohne dass die Außenwelt etwas bemerkt. Die Casiov-Revolte war kein Aufstand. Sie war das Eskalieren eines Prozesses, der still und unbemerkt begann, in einem Norden, um den sich niemand scherte, solange die Panzer die Fließbänder verließen.
Was das Subjekt bestätigt hat, das ihr mir gebracht habt, belegt, dass dieser Prozess auf Koron 3 nicht mit der Zitadelle geendet hat. Vermutlich wurden die Bestrebungen damals durch die anberaumten Untersuchungen unterbrochen, was zu einem Verfrühten Losschlagen geführt hat. Die Rigerose Selbstopferung war der PReis, denn der Kult gezahlt hat, um das Überleben und den Neubeginn einiger weniger zu decken. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Grüne Zitadelle die einzige Enklave war, wenn auch vermutlich die stärkste zu jener Zeit. Die Überlebenden hatten gewiss andere Schlupflöcher zu denen sie fliehen konnten. Man kann davon ausgehen, dass dies der Nukleus war, von dem aus der jetzige Aufstand begonnen hat.

wird fortgesetzt 
Zitieren
#62
Die Vergangenheit erklärt das Wesen des Feindes. Nun kommen wir zur Gegenwart.
Während er gesprochen hatte, hatte Elvira einige Einstellungen am Projektor vorgenommen, vermutlich den Datenträger ausgetauscht. 
Nun übergab sie die Fernsteuerung in die Hand des Inquisitors. Die Projektion wechselte, wobei das Bild der Symbiontenfratze bedeutungsschwer die neue Darstellung noch einen Moment lang überlagerte. Die Karte Gohmors erschien erneut. Diesmal leuchtete ein sichelförmiges Gebiet in der nordöstlichen Vorwüste auf.
Einige von euch werden von den jüngeren Entwicklungen rund um den Östlichen Zechenverband gehört haben. Es spielte vor einiger Zeit eine größere Rolle in den Gazetten.

Datenzeilen erschienen neben der Karte.

Bevölkerung: geschätzt zwei Millionen.
Status: weitgehende Autonomie.
Zuwanderung: eingestellt.
Besuchsverkehr: eingestellt.
Externe Projekte: eingestellt.
Rohstofflieferungen: unverändert oder über Soll.

Vor einigen Jahren befand sich dieser Verband noch auf Expansionskurs. Neue Siedlungen. Neue Infrastruktur. Werbung um Arbeitskräfte. Politische Ambitionen. Der Konflikt mit Haus Orsius hat der Vereinigung viel Sympathie beim einfachen Bürger eingebracht. Der Geknechtete gegen den Unterdrücker und so weiter. Seit einigen Monaten beobachten wir das genaue Gegenteil."
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken.
Nach außen werden sämtliche Verpflichtungen weiterhin erfüllt. Erz wird geliefert. Verträge werden eingehalten. Die wirtschaftliche Produktion läuft störungsfrei weiter.
Die Karte zoomte näher heran, zeigte industriell aussehende Strukturen, Tagebaue und Abraumhalden, welche die Ausmaße kleiner Gebirge annahmen.
Inspekteure und Erzhändler besuchen die Handelsniederlassung weiterhin, aber jedweder Besucherverkehr zu den restlichen Anlagen ist faktisch auf Null reduziert. Ohne dass es dazu ein offizielles Statement gibt, könnte ein oberflächlicher Blick dies für Vorsicht vor Orsius' Einmischung oder Industriespionage halten. Wir aber schauen nicht nur oberflächlich. Abgelegene Gemeinden. Relativ isolierte Bevölkerung. Eigene Sicherheitskräfte, mit durchaus bedeutenden militärischen Kapazitäten. Begrenzte externe Kontrolle. Eine charismatische Führung.
Für sich genommen beweist keines dieser Merkmale etwas. In ihrer Gesamtheit ergeben sie jedoch ein Muster.
Cassian räusperte sich.
Während meines Einsatzes bei den Aufständischen hat Renold einmal erwähnt, dass man in die Vorwüste verschwinden könne. Zu Verbündeten.
Geyer sah ihn an und nickte.
Das deckt sich mit den Aussagen unseres Verhörsubjektes.
Die Gefangene verfügte nur über begrenzte Kenntnisse der Struktur, abseits ihrer eigenen Zellen. Nichtsdestotrotz ist sie ein großer Fisch, aber ihr Wissen bezog sich auf Gohmor und das Gebiet, in dem der Baneblade verunfallte. Darum hat man sie ausgesucht. Ihr Überleben war dabei nicht von Belang. Renold wäre interessant gewesen. Er schien auf mehreren Hochzeiten zu tanzen, was in dieser Struktur eher ungewöhnlich ist. Aber tröste dich, Arbitrator – du hast dem Universum einen Gefallen getan, als du seinen Kopf weggeschossen hast.
Wie gesagt, die Gefangene gehörte nicht zur obersten Führungsebene des Kultes. Dennoch deuteten mehrere ihrer Aussagen auf Kontakte außerhalb Gohmors hin. Kontakte zu Gruppen, die als Rückzugsorte, Versorgungsnetzwerke und Rekrutierungsgebiete dienten.
Also der Zechenverband?, fragte Messer.
Naheliegend.
Vor einigen Monaten verzeichneten wir eine Häufung von Zwischenfällen entlang der Außenposten, die verschiedene Handelshäuser in der Randzone unterhalten. Siris und Orsius ebenso wie kleine Häuser oder private Unternehmen. Kontaktabbrüche. Verschwundenes Personal. In mindestens einem Fall ein vollständig geräumtes Lager – ohne Leichen, ohne Zeichen einer klassischen Plünderung. Gestohlenes Material: Frischwasser, Handfeuerwaffen. Zurückgelassen: hochwertige Erze, Technik, Promethium.
Eine kurze Pause.
Ein wählerischer Feind.
Eine externe Sicherheitsorganisation namens HAVOC Rangers wurde mit der Untersuchung eines dieser Vorfälle beauftragt. Sie erreichten das betreffende Lager, fanden es leer vor und stießen in der Nacht auf eine unbekannte Kampfgruppe in der Vorwüste. Es kam zu einem Gefecht. Details liegen mir nicht vor. Ich weiß, dass es Verluste auf Seiten der Söldner gab. Ich weiß, dass ein Kontingent der Hausarmee Orsius in der gleichen Nacht in der gleichen Region operierte – und sich anschließend in ungewöhnlicher Eile in nördlicher Richtung zurückzog. Nicht in Richtung Gohmor. Ich glaube nicht das diese Orsius Kräfte mit dem Feind im Bunde standen, wohl aber das sie ihn bekämpften.
Abgefangene Berichte sprechen später von Spuren, die in die Wüste führten. Verwüstete Fahrzeuge. Aufgerissene Panzerluken. Das gleiche Bild wie bei den Kämpfen um die Grüne Zitadelle. Jahrhunderte und tausende Kilometer voneinander getrennt.
Ein Klick, und das körnig abgelichtete Bild eines Meldeblocks erschien. Darauf eine harte, kantige Handschrift.
Zitat:
– Sender 1, vermutlich Orsius: Unverständlich, Verschlüsselung oder Kampfdialekt. Hohes Pfeifen und Zirpen mit verschiedener Oszillation. Übereinstimmung mit Hörproben Orsius-Verschlüsselung.
– Sender 2, vermutlich Gegner/weiterer Beteiligter: Sehr laut, reguliere Lautstärke nach unten, muss ausgleichen, um Orsius zu verstehen (Sender 1 und 3). Kreischen, Knurren, Zirpen und Bellen. Mischung aus allem. Wortähnliche Laute, sehr schnell gesprochen, sehr kehlig. Vermutlich Kampfdialekt. Ansonsten eher keine Verschlüsselung. Mit Absicht unheimlich gestaltet? Kriegsführung = nervliche Zerrüttung?
– Sender 1 sendet fast ununterbrochen aus verschiedenen Quellen. Vermutlich kleines Kampfgespräch im Verband und übergeordnete Sendung Richtung Gohmor.
– Sender 2 nur eine Sendequelle. Nur Anweisungen? Nur Sender an Empfänger?
– Sender 3 nach 14 Minuten begonnenen Mithörens aus Richtung Gohmor. Verm. Antwort von Zentrale Orsius. Ebenfalls verschlüsselt. Ausrichtung nach Gohmor abgebrochen, da von dort nur stark verschlüsseltes Signal.
– Verschlüsselung von Sender 1 jetzt lückenhaft. Technik beschädigt? Keine Zeit zum Verschlüsseln? Nachlässigkeit durch Panik?
– Einzeln aufgefangene Sendungen v. Sender 1 unterteilt nach verschiedenen Sendequellen. Verschlüsselte Sequenzen nicht extra aufgeführt.
Wortlaut:
– Reihen schließen. Muster einhalten. Raute.
– Treffer… bestätigter Abschuss… noch 3 von –
– Infanterie auf Anhöhe. Feuer…
– Links verstärken.
– Es ist zwischen den Panzern. Was ist –
– Nein… vier nach eigenem Ermessen. Gruppenführer kommen.
– Einbruch in Sicherungsbereich… bringt... zu Fall.
– Noch eins auf dem Hügel. Schwere Waffen zusammenfassen.
– Führungsfahrzeug an…
– Acht Schwer vorgehen.
– Dringend Unterstützung.
– Es reißt die Luke auf… Terras Gnade.
– Schreie! –
– Zurückfallen lassen zu…
– Feuerlinie aufbauen.
– Zurück… zurück…
– Nach eigenem Ermessen.
Ab hier nur noch Wortfetzen ohne erkennbaren Zusammenhang.


Es lässt sich nur darüber spekulieren, warum der Angriff auf diese Kräfte und Handelsposten erfolgte. Vor allem da der Kult darum bemüht sein dürfte, das Bild von Normalität zu erzeugen. Vielleicht sind die Vertreter der angegriffenen Fraktionen zu neugierig geworden, haben Dinge gesehen, die sie nicht hätten sehen sollen. Die Geheimniskrämerei der Häuser spielt dem Feind dabei in die Hände. Solche Vorfälle werden nicht weitergemeldet, sondern aktiv vertuscht. Wenn die Vermutung stimmt, dann liegt eine weitere große Kultarmee faktisch vor den Toren der Stadt. 
Realistisch betrachtet: selbst wenn sie ihre geschätzten zwei Millionen Anhänger unter Waffen haben, Frauen, Kinder und Alte mit eingeschlossen, plus die Symbionten, die vermutlich die Panzer von Orsius angegriffen haben, besteht keine Chance, dass sie Gohmor damit gefährlich werden. Aber sie haben damit einen gut gesicherten Rückzugspunkt.
Er machte einen harten Schnitt, und ein grün bewaldeter Kartenabschnitt ersetzte das trostlose Rotbraun der Vorwüste.
Luht.
Er ließ den Namen kurz stehen.
Eine Nation, die ihre eigenen Angelegenheiten seit Generationen nicht in den Griff bekommt. Kriminalität, Korruption und große Armut – und das nur in wenigen zivilisierten Zentren. Acht Zehntel Urwald. Keine brauchbaren Karten. Stämme von Ureinwohnern, die sich gegenseitig die Kehlen durchschneiden und jeden externen Einfluss mit dem Speer beantworten. Zwei Strafexpeditionen in der jüngeren Geschichte – beide gescheitert, eine davon mit dreihundert Mann rein und dreiunddreißig wieder raus. Von solchen Eskapaden abgesehen, war Luht, gefangen in seinen internen Problemen, eine Randfigur in den planetaren Geschehnissen.
Er deutete auf den südlichen Bereich der Karte.
Seit etwa einem Jahr hat sich das Bild fundamental verändert. Die Stämme greifen koordiniert an. Nicht mehr einzelne Überfälle auf abgelegene Farmen – eine regelrechte Invasion. Die Städte Taggo und Huncal stehen unter Dauerdruck. Siedlungen in der Peripherie: vernichtet oder annektiert. Überlebende in Bunkertürmen warten auf Entsatz, der bisher nicht oder nur unter größten Anstrengungen kam.
Das sind gewiss bedenkliche, aber doch lokale Sachverhalte, die auf den ersten Blick wenig Interesse der Inquisition erwecken. Was mein Analyseteam beschäftigt, ist nicht die Tatsache des Angriffs. Dschungelstämme greifen an. Das kennen wir. Was uns beschäftigt, ist die Frage: warum jetzt. Und warum koordiniert.
Die Projektion wechselte. Eine taktische Karte des Dschungels erschien, grob und lückenhaft.
Stämme, die seit Jahrzehnten in blutiger Feindschaft zueinander standen, handeln plötzlich im Verbund. Taktische Muster, die vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, werden angewendet. 
Etwas hat sie in Bewegung gesetzt. 
Etwas, wovor sie mehr Angst haben als voreinander oder vor den bewaffneten Kräften der Ordnungsmacht.
Die Erkenntnisse meines Teams haben mich zu dem Ergebnis kommen lassen, dass die Stämme nicht angreifen, weil sie es wollen. Sie greifen an, weil sie fliehen. Aus dem Inneren des Dschungels. Weg von etwas, das dort unten sitzt und wächst.
Ein neues Bild erschien auf der Projektionsfläche. Dann noch eines. Dann mehrere, in ruhiger Abfolge.
Verstümmelte Überreste. Drei Soldaten – oder das, was von ihnen übrig war. Zusammengesetzt, neu arrangiert, drapiert an einem Baum wie das Werk eines wahnsinnigen Bildhauers. Vier Arme, zwei Gesichter zu einem zusammengepresst, Gedärme und Schlingpflanzen genutzt, um den monströsen Götzen zusammenzubinden. Erkennungsmarken in einer Faust, in der anderen Blüten.
Geyer ließ die Bilder sprechen. Er sagte eine Weile nichts.
Das sind Angehörige der Zehnten PVS-Kompanie. Ehemalige Kameraden von dir, Kruger und auch von dir Messer. Fernaufklärer. Gefunden vor einigen Monaten, im Rahmen der Operation Donnergrollen.
Er sah in die Runde.
Ohne die ganzen roten Punkte zu sehen, die wir hier miteinander verbinden, könnte man psychologische Kriegsführung sehen. Stammesritual. Einschüchterung.
Das ist es nicht. Zumindest nicht nur. Mein Team hat diese Bilder analysiert. Die Anordnung der Körper ist nicht zufällig. Das vierarmige Motiv. Die spezifische Drapierung. Die Symmetrie.
Das ist kein Kriegszeichen eines Dschungelstammes. Das ist ein Abbild. Eine Darstellung von etwas, das diese Menschen gesehen haben. Etwas, das vier Arme hat, das ihnen Angst gemacht hat und jetzt ihren Feinden Angst machen soll. Wir wissen inzwischen, um was es sich handelt. Im Dschungel Luhts sitzt ein weiteres Nest.
Er sagte es ohne Dramatik, sachlich, als berichte er über Wetterdaten.
Bei all der Geheimhaltung des Zechenverbandes oder der Verschleierung durch die FU bezüglich der Grünen Zitadelle sind die Daten aus dem Dschungel am lückenhaftesten. Es gibt die Berichte eines Forschungsreisenden, eines Biologen namens Schnabelmayer, der gewisse Dinge andeutet, was wir hier erahnen, in ihrer Ausdehnung aber nicht verifizieren können.
Er sah Kruger direkt an.
Du warst dabei, als die Zehnte dort operiert hat. Ich würde deine Einschätzung zur Lage vor Ort hören wollen. Später.
Dann wandte er sich wieder an die gesamte Gruppe.
Ein weiterer Schnitt, und es erschien das typische Wappen einer PVS-Formation.
Die Achte Brigade.
Das Einheitszeichen kantig und nüchtern – ein hochrechteckiger Schild, oben schwarz, unten betongrau, geteilt wie die Ebenen der Makropole selbst. In der Mitte eine breite, weiße Acht, so schlicht wie eine Fabriknummer. Darüber ein einfacher Arbeitshammer in Silber. Eine schmale, dunkelrote Bordüre fasst das Ganze ein. Kein Adler, kein Aquila, kein Gold. Bestenfalls unauffällig.
Fast fünftausend Mann PVS. Gut motiviert, nach allem, was man hört. Kein Gefechtseinsatz in freiem Gelände, aber das war gewollt so – die Führung hatte darum gebeten, die Speerspitze in Taggo zu übernehmen. Sich zu beweisen. Das Motto lautet, wenn ich mich recht entsinne – er wandte sich kurz an Elvira.
Alles erbringen, niemals beklagen.'
Gelebt, soweit man das beurteilen kann. Taggo war ein Aufstand unter vielen in der Region. Mit Verlusten war zu rechnen, aber in einem vertretbaren Rahmen. Dann: kein Funkkontakt. Kein Presseoffizier. Kein Lebenszeichen. Die komplette Einheit verschwand. Marschierte in den Dschungel und war weg. Mit Panzern, Artillerie und allem anderen. Und niemand hat sie wirklich vermisst.
Der offizielle Stand: Die Achte hat ihre vorgeschobenen Posten geräumt und ist tiefer in den Dschungel vorgestoßen. Kräfte der Föderalen Union haben die Lücken geschlossen. Alles planmäßig. Nichts zu melden.
Interne Schreiben der PVS listen sehr viel mehr Bedenken auf. Erstens: Eine PVS-Brigade ohne Dschungelkampferfahrung stößt ohne Begleitung und wirklichen Waffenverbund in schwieriges Gelände vor. Insubordination und Desertion einer kompletten Einheit in diesem Maße hat man normalerweise nur bei ketzerischen Aktivitäten oder eben bei Symbiontenbefall. Der kommandierende Offizier, Oberstleutnant Rät, hat um diesen Einsatz gebeten und seine komplette Einheit nebst Munitions- und Gefechtsfahrzeugen dem Feind übergeben. Die Familien schweigen. Fünftausend Soldaten. Große Arbeiterfamilien, nach allem, was wir wissen. Engmaschige Gemeinschaften auf den Subebenen 480 bis 510. Wenn dort Väter, Mütter, Kinder verschwinden – dann entsteht Lärm. Dann kommen Leute auf die Straße. Dann reden Nachbarn. Dann erscheinen nicht zwei Familien bei einer Zeitung, sondern zweihundert. Das Rekrutierungsgebiet der Achten liegt auf den Subebenen 480 bis 510. Das sind dichte, weitgehend autonome Gemeinschaften. Eigene Infrastruktur. Starke innere Loyalitäten. Kaum externe Kontrolle. All die Merkmale, auf die wir in dieser Rückschau bereits gestoßen sind.
Dann kehrte die Achte Brigade zurück. 
Kruger war dabei. 
Nicht als besiegte Truppe, die sich aus dem Dschungel herausschlägt. Nicht als Deserteure, die sich ergeben. Sie sind zurückgekehrt als Angreifer. Koordiniert, professionell und mit schwerem Gerät.
Die Projektion wechselte. Aufnahmen erschienen – Einschusslöcher in Beton, ein zerschossenes Wachtumsgebäude, die verbogenen Überreste eines Kasernentors. Dann das ausgebrannte Wrack eines Leman Russ.
In Huncal. In einer einzigen Nacht. Simultane Angriffe auf mehrere Kasernen, koordiniert durch eine großangelegte Störaktion des gesamten Kommunikationsnetzes – zivil wie militärisch. Wer auch immer das geplant hat, hat das nicht im Dschungel gelernt. Das ist Stabsarbeit. Wir können also davon ausgehen, dass auch in der Infrastruktur und der Verteidigung der Nation Infiltratoren saßen und noch immer sitzen. Wäre es anders gewesen, hätte es mich verwundert.
Er deutete auf die Aufnahmen.
Die Kaserne, in welcher die Zehnte zum Zweck der Rotation auf ihren Abflug wartete, wurde mit einem Leman Russ und regulärer Sturminfanterie in PVS-Vollpanzerung angegriffen. Der Angriff war mit dem Momentum der Überraschung hart und brutal, hatte aber nicht genug Masse, um nach dem ersten Schock der Reaktion zu widerstehen. Das war auch gar nicht das Ziel. Simultan wurden verschiedenste Niederlassungen der PVS und der zivilen Infrastruktur angegriffen. Die durchgehenden Attacken der Dschungelstämme waren ein permanentes Hintergrundrauschen für die Verteidiger, zermürbend durch ihre Beständigkeit. Die Symbionten haben die Bewegung der Stämme bewusst oder unbewusst verursacht. Zum Vorteil gereichte es ihnen so oder so. Durch die Belastung der durchgehenden Bedrohung hindurch stießen sie mit starken Spitzen vor, um verschiedenste Positionen zu treffen und in erster Linie von einem koordinierten Reagieren auf ihr eigentliches Ziel abzuhalten. Der Hauptstoß galt dem Flughafen. Etwa tausend Mann, zehn Panzer, dazu eine nicht bezifferbare Zahl bewaffneter Zivilisten. Sie haben sich als reguläre Kolonne getarnt – ein gewohntes Bild in einer Stadt voller Militärfahrzeuge. Niemand hat zweimal hingeschaut. Als sie losschlugen, standen sie bereits so nah, dass die Luftschiffe nicht mehr eingreifen konnten, ohne die eigenen Leute zu treffen.
Neue Aufnahmen. Hangars. Rollfeld. Rauchsäulen.
Ihr Ziel war nicht die Vernichtung. Ihr Ziel war Übernahme. Sie haben den Kommandostab ausgelöscht, die Langstreckenkommunikation gesprengt und eigene Piloten in die Hangars gebracht. Eigene Piloten – das bedeutet einmal mehr akribische Vorbereitung. Planung über Monate, vermutlich Jahre.
Unter den erbeuteten Maschinen waren beide Bulldog-Schwerlastfähren. Die gleichen Typen, die ursprünglich die Achte und die Zehnte in den Dschungel gebracht haben.
Was sie damit angestellt haben, wissen wir. Aber wir müssen uns der Vollständigkeit halber damit ebenfalls auseinandersetzen, wenn wir den vorläufigen Höhepunkt dieser Affäre analysieren wollen.
Huncal wurde gesichert. Die Zehnte, die 203. Panzerkompanie, Teile der Grenadiere und die Arbites haben die Stadt stabilisiert. Die Kämpfe gegen die Dschungelstämme gehen ungebremst weiter."

wird fortgesetzt
Zitieren
#63
Kommen wir zum Anschlag selbst. Einige von euch hatten unmittelbar damit zutun, lassen wir die Trauerreden und die Heldengeschichten also beiseite – was zählt, sind die nackten Fakten, und die sind aufschlussreich genug.
Er hob die Hand, die Finger leicht gespreizt, als zähle er ab.
Erstens: das Ausmaß der Vorbereitung. Mindestens zwei schwere Transportmaschinen aus Huncal, dazu eine größere Anzahl weiterer Flugzeuge – gestohlen, entführt, in einigen Fällen schlicht erworben, über verschiedene, voneinander unabhängige Kanäle. Wie bei allem, was wir bisher betrachtet haben, keine Improvisation, sonder die Effizienz eines Ameisenstaates. Einmal mehr eine Beschaffungskette, die sich über Monate, vermutlich Jahre erstreckt haben muss, ohne dass eine einzige dieser Bewegungen Verdacht erregt hat, beziehungsweise zu wenig Verdacht oder an der falschen Stelle. 

Zweitens: die Präzision des Ziels. Man traf die Ratsversammlung in dem Moment, in dem ein Großteil der höchsten politischen, militärischen und ökonomischen Führung Gohmors an einem einzigen Ort versammelt war – inklusive auswärtiger Delegationen. Häuser wie Icus und Deforn wurden in ihrer Führungsspitze faktisch ausgelöscht. Das mag im ersten Moment nicht wie eine besondere Leistungs aussehen, wenn man berücksichtigt, dass der Massenanschlag mehr oder weniger jeden der Versammelten getroffen hat. Nicht eben ein chirurgischer Schnitt, sondern ein Hieb mit dem Streitkolben. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass die Schläge genau getimte sein mussten, um dann zu treffen wenn alle Ziele anwesend waren und obendrein in so schneller Folge, dass keine Zeit zur Flucht blieb. Auch hier wieder umfangreiches Insiderwissen.

Drittens: die Gleichzeitigkeit der Operationen. Während des Anschlags auf die Ratshalle fielen im selben Zeitraum auch die Brücke der Hunderttausend, mehrere Verteidigungsanlagen der Stadtmauer und diverse Versorgungseinrichtungen. Also mehrere koordinierte Zellen, die unabhängig voneinander, aber zeitlich abgestimmt agierten – ein Muster, das wir bereits aus Huncal kennen.
Er ließ die Hand sinken.

Viertens: die körperlichen Merkmale der getöteten Angreifer. Fehlende Behaarung, schwarze Pupillen, spitz zulaufende Zähne, verhornte Fingernägel – bei den stärker betroffenen Exemplaren ein dritter Arm, Hornwülste, knöcherne Wucherungen. An diesem Punkt geschah das, was Jahrzehnte früher hätte geschehen müssen. Man hat die Inquisition alarmiert.

Fünftens: die Verbindung zur Kirche der Transformation. Eine Sekte, die gezielt unter den Verzweifelten, den Mutierten und den Ausgestoßenen der Unterstadt rekrutiert – ein Reservoir an Körpern und Loyalitäten, das sich nach einem Anschlag dieser Größenordnung mühelos für Aufstände mobilisieren ließ und nach wie vor lässt. Eine solche Organisation dient zwei Zwecken zugleich: Sie liefert Kanonenfutter für die Straßenschlachten, die seither die Sicherheitskräfte binden – und sie liefert eine Erklärung, mit der sich die Behörden zufriedengeben können, ohne nach den eigentlichen Drahtziehern zu fragen.

Und schließlich Sechstens: Es gab, nach eigenen Angaben der Ermittlungsbehörden, Verstrickungen mit Teilen der PVS. Man hat das Ausmaß heruntergespielt – aus naheliegenden Gründen. Aber es bestätigt, was wir bereits aus Casiov und aus Huncal wissen: Der Feind sitzt nicht nur in den Slums und den Sekten. Er sitzt in den Strukturen, die ihn bekämpfen sollen.
Er sah in die Runde, einen nach dem anderen.
Fassen wir zusammen. Wir haben es nicht mit einem einzelnen Anschlag zu tun, sondern mit dem bislang sichtbarsten Ausschlag eines Prozesses, der seit Jahrzehnten, eher noch Jahrhunderten – innerhalb dieser Stadt und dem ganzen Planeten abläuft. Eine Infiltration, die sich Zeit gelassen hat, die sich in Logistik, Verwaltung, Armee und Klerus eingenistet hat, und die in der Lage war, in einem einzigen koordinierten Schlag die Führungsspitze Korons, wenn nicht zu enthaupten, so doch einen tiefen Schnitt beizubringen. Das ist nicht das Ende eines Plans. 
Das ist, fürchte ich, lediglich dessen erste, ungeduldige Eskalationsstufe.

Die Frage, die sich mir stellt, ist nicht, was der Feind getan hat. Das haben wir nun hinreichend seziert und es ist doch recht typisch für diesen Gegner der Menschheit. Die Frage ist. warum jetzt? 
Was bezweckt er damit? Auf den ersten Blick wirkt es, als läge die Initiative vollständig beim Kult. Ein enthaupteter Adel, eine brennende Hauptstadt, ein Heer, das an drei Fronten gleichzeitig gebunden ist. Doch betrachtet man die nackten Zahlen, ergibt sich ein anderes Bild. Der Adel und die Führungseliten funktionieren wie eh und je. Sicher, die zweite Garnitur tritt jetzt ins Rampenlicht und das eine oder andere kleine Haus mag fallen, aber die wahren Führungseliten wanken nicht. 
Und die Armee? Einen solchen Koloss wie die PVS Korons ringt man so nicht nieder. Selbst mit der Achten Brigade, den Infiltratoren in der PVS, den Schläferzellen in Gohmor und den Horden des Zechenverbandes zusammengenommen, reicht diese Kraft niemals aus, um einen Planeten wie Koron 3 zu erobern. Eine größere Stadt, vielleicht ein, zwei der schwächeren Nationen, aber nichts Weltgefährdendes. Dafür bräuchte es das Mehrhundertfache. Diese Leute wissen das. Sie sind nicht dumm, und ihr Meister erst recht nicht.
Normalerweise zeigt sich ein solcher Kult nur in drei Fällen. 
Wenn er aufgedeckt wird und keine andere Wahl mehr hat, als sich offen zu zeigen – wie bei der Grünen Zitadelle, wo die Untersuchungen ein verfrühtes Losschlagen erzwangen. 
Wenn er glaubt, tatsächlich die Mittel zu besitzen, einen Planeten oder zumindest eine Nation vollständig zu übernehmen und einen Dauerzustand des Konflikts zu etablieren. – er zögerte, und in diesem Zögern lag mehr, als seine Worte ausdrückten – „… oder wenn etwas Größeres naht. 
Er schüttelte knapp den Kopf.
Keiner dieser drei Gründe trifft hier zweifelsfrei zu. Aufgedeckt wurden sie erst durch den Anschlag selbst – vorher liefen sie unbemerkt. Die Mittel zur Eroberung besitzen sie offensichtlich nicht. Und für die dritte Möglichkeit – wieder dieses kurze, kaum merkliche Zögern habe ich bislang keinen einzigen belastbaren Hinweis.
Geyer trat einen Schritt zurück und sah die Versammelten der Reihe nach an.
Es bleibt mir also nur der Schluss, dass wir etwas übersehen. Eine Variable, die wir noch nicht kennen, oder eine, die wir kennen, aber falsch einordnen.
Dazu kommt ein weiterer Umstand, über den ich bislang geschwiegen habe. 
Die Gouverneursgattin, Frau Elisabeth Emilia de Wajari, hat mich – auf einem Weg, der mit der offiziellen Befehlskette nichts zu tun hat – kontaktieren lassen. Das allein ist bemerkenswert. Meine vorläufige Einschätzung ist, dass sie keine Dienerin des Kultes ist. Eher das Gegenteil: Ich habe Grund zur Annahme, dass sie die Macht auf diesem Planeten für sich selbst beansprucht, und dass ihr Gemahl dabei möglicherweise mehr im Wege steht, als ihm gut tut. Eine Frau, die plant, ihren Mann zu beerben – vielleicht sogar nachzuhelfen –, sucht sich gewöhnlich keine Verbündeten unter Genestealer-Kultisten. Auszuschließen ist es freilich nicht. Vielleicht hat sie die Kultiusten heimlich unterstützt und gemerkt, mit wem sie sich da eingelassen hat, als man ihr einen Transportflieger von der größe eines Wohnblocks auf den Kopf werfen wollte. 
Alles graue Theorie, bis wir Gewissheit haben. 
Geyer sah nun ernst in die Runde, fast auffordernd.
Wir haben mehrere lose Fäden, und nicht genug Hände, um alle gleichzeitig zu ziehen. Ich will eure Einschätzung hören, bevor ich entscheide, wohin wir unsere Kräfte als Nächstes lenken.
Er zählte auf, knapp, sachlich, wie er es mit allem tat.
Wir könnten der Einladung der Gouverneursgattin nachgehen. Herausfinden, was sie weiß, was sie will, und ob sie tatsächlich das ist, wofür ich sie halte – oder etwas Schlimmeres. Sie weiß noch nicht, dass ich mich auf Koron befindete. Ich habe bei meiner Annäherung an den Planeten einen Diplomaten abgefangen und dazu verpflichtet eine Scharade zu spielen. Frau de Wajari denkt ich würde mich noch in einigen Tagen Entfernung zu Koron 3 befinden.

Ein weiterer dieser Fänden ist die Grüne Zitadelle. Das Sperrgebiet besteht offiziell wegen Strahlung, tatsächlich vermutlich, weil dort noch immer etwas schlummert. Verschwundene Touristen, nie aufgeklärte Morde. Es wäre an der Zeit, mit geeigneten Mitteln nachzusehen, ob der ursprüngliche Nuklius des Befalls noch aktiv ist – oder ob von dort aus weiterhin Marionetten gelenkt werden.

Dann ser Östliche Zechenverband und die Rote Wache. Wenn dieser Vorposten tatsächlich vollständig durchsetzt ist, könnte er uns Aufschluss über Versorgungswege, Kommunikation und möglicherweise über die Identität der eigentlichen Führung geben – vorausgesetzt, man gelangt dort hinein, ohne sofort als Fressen für die Symbionten zu enden.

Dann Luht. Kruger war dort, als die Zehnte operierte. Was im Dschungel wächst, ist offenbar älter und größer als das, was wir hier in Gohmor sehen. Ich würde gerne verstehen, ob dort der eigentliche Ursprung liegt – oder nur ein weiterer Außenposten.

Final die Infiltration innerhalb der PVS selbst. Eine stille, interne Untersuchung, ohne dass es zu einer offenen Säuberung kommt, die den Feind warnen würde. Riskant, aber möglicherweise der direkteste Weg zu den Drahtziehern in Gohmor selbst. Wenn wir den Kampf zum Feind tragen wollen, brauchen wir eine schlagkräftige und vor allem unbefallene Armee.

Ich werde meine Entscheidung nicht allein fällen. Jeder von euch bringt eine andere Perspektive mit – nutzt sie. Was wollt, was müsst ihr noch wissen und was schlagt ihr vor?
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste