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Läuterung
#72
von hier kommend

Kastor saß im abgedunkelten Laderaum eines Hubschraubers der Föderalen Union. Ein altes Modell, klobig und schwerfällig. 
Kein ganz ungewöhnlicher Anblick. Diese bewehrten Arbeitspferde wurden hier für alles benutzt: um wichtige Personen zu transportieren, die Städte mit ausgesuchten Waren zu versorgen oder die Gegend zu erkunden.
Dieser spezielle Hubschrauber würde in vier Minuten die Sperrzone verletzen. Dann würde er eine Aufforderung zur Korrektur seines Kurses bekommen, einhergehend mit einer Warnung vor Konsequenzen, wenn er nicht abdrehte. 
Der Pilot wiederum, tatsächlich ein Mann aus der Region, würde daraufhin zurückfunken, dass er Probleme mit dem Navigationssystem habe. Sein Kompass spiele verrückt und er bräuchte genaue Anweisungen und Landmarken, um sich zu orientieren. Das würde Zeit kosten und ihn derweil näher an das Zielgebiet herantragen. Denn der Pilot war das genaue Gegenteil des unerfahrenen Grünschnabels, den er zu sein vorgab. 
Bevor es brenzlig werden würde, würde er den großen Aha-Effekt haben und zurückkehren. 
So etwas konnte passieren.
So etwas passierte immer wieder einmal...

Das monotone Dröhnen des Rotors vibrierte durch die Sohlen seiner gepanzerten Stiefel, während die Maschine im extremen Tiefflug über die schneebedeckten Wipfel des nördlichen Tannengürtels hinwegdonnerte. Das tiefe, mechanische Grollen von Transportmaschinen aller Art war eine vertraute Konstante in Kastors Leben – fast schon ein beruhigendes Geräusch. 
Das grünliche Taktiklicht des Innenraums warf schwere Schatten auf seine Züge und fand nur Widerhall auf den Linsen seines Helmes. Die Augen des Dragoners starrten ins Nichts, während seine kybernetischen Finger mechanisch um seine Waffe geklammert waren.
Weiter hinten saß ein Techniker in der grün-weißen Flecktarnuniform der FU. Bis auf sie war keine weitere Person in dem geräumigen Bauch dieses fliegenden Wals.

Er vertrieb sich die Zeit des Nichtstuns und ließ die denkwürdige Begegnung im Palast noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren. Kastor spürte noch immer die tiefe Genugtuung über Ulrichs Worte, die ihm die ausdrückliche Erlaubnis erteilt hatten, seine vertraute, mattschwarze Armaplast-Rüstung zu behalten.
Das war in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen war es ein Fingerzeig seiner Macht gewesen. Ein vermeintlich kleiner, wie ein unbedarfter Beobachter hätte meinen können. Doch einem Vertreter der Inquisition stellte man keine Bedingungen, wie nichtig sie auch erscheinen mochten. Dass der Hochbaron seine Zustimmung gegeben und diese Elvira es akzeptiert hatte, war ein klares Eingeständnis vor der Macht des Hauses.
Zum Zweiten drückte Ulrich damit der gesamten Mission das Siegel der Orsius auf. Sollte Kastor fallen – und die Möglichkeit war nicht eben gering –, dann würde man einen Toten in der Rüstung der Schwarzen Dragoner finden. Zugehörigkeitssymbol hin oder her. Das Haus stand dann schon frühzeitig und für jeden sichtbar an der Seite des Imperiums. Eine Lehre aus der Geschichte, die Ulrich nicht vergessen zu haben schien.
Für Kastor hatte all das einen praktischeren Charakter. Er kannte jedes Kilo seines Schutzanzuges. Er wusste genau, wie sich das Gewicht verteilte, wie die Gelenke reagierten und wie man sich darin bewegte, wenn die Welt um einen herum in Flammen aufging.
Die Waffenkammer von Haus Orsius hatte ihm anschließend alles gegeben, was er verlangt hatte. Neben der Munition stapelten sich nun zusätzliche, schwere Atemfilter der Klasse Sigma-Primus in seiner Ausrüstungstasche – zwingend notwendig für die vermeintlich radioaktiv verseuchten, unberechenbaren Zonen der Provinz Casiov, in denen die alten Plasmareaktoren vor Jahrzehnten geschmolzen waren. Dazu kamen Feldrationen, Klettergeschirr, Sprengmittel zur Tunnelversiegelung, eine kompakte aber leistungsstarke Funkausrüstung und ein chemischer Feldtester.
Elvira hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass dies ein Abschied auf unbestimmte Zeit war. Entsprechend hatte er sich eingedeckt, als gelte es, alleine in einen Krieg zu ziehen. Was ja momentan eigentlich der Fall war.

Die hochmütige Kontaktfrau des Inquisitors hatte alles in ein Versteck irgendwo in Gohmor bringen lassen, was er nicht unmittelbar brauchte. Er selbst hatte nach ihrer Konversation mit dem Baron noch im Palast des Hauses ein Briefing bekommen. 
Hastig. 
Professionell vorbereitet und durchgeführt, aber dennoch mit dem Unterton der Eile.
Kastor erinnerte sich an ihre kühle, fast dozierende Stimme, als sie den Raum abdunkelte und mit der Fernbedienung die flackernde Karte von Koron III an die raue Betonwand warf. Das stilisierte I der Inquisition war kurz aufgeflackert, bevor sie die unbarmherzige Wahrheit über den Zustand des Planeten sezierte.
Der Feind war kein gewöhnlicher Abschaum, keine einfache Rebellion unzufriedener Minenarbeiter. Es handelte sich um die Genräuberpest. *Corporaptor hominis*. Ein xenosbiologischer Parasit, der sich lautlos in die Laderäume von Handelsschiffen fraß, durch den sogenannten „genetischen Kuss“ ganze Familiengenerationen unterwanderte und die Gehirne der Befallenen mit einer psionischen Bruttelepathie zusammenschaltete.
Elvira hatte ihnen die schrecklichen Details der Vergangenheit um die Ohren gehauen. Sie sprach von der Casiov-Revolte im Jahre 172 n. K. d. H. Damals waren achtzig Prozent des stehenden Heeres der Föderalen Union in der Grünen Zitadelle im hohen Norden unbemerkt korrumpiert worden.
Die Soldaten hatten einfach aufgehört, nach Hause zu schreiben. Als man Untersuchungen anstellte, war es bereits zu spät gewesen. Tausende Blizzard- und Leman-Russ-Kampfpanzer brachen ohne Funkgeräte, gelenkt nur durch das psionische Kollektiv des Brudergeistes, aus den Schneestürmen hervor und machten alles nieder.
Am Ende sprengten die Infizierten kollektiv ihre eigenen Reaktoren und verwandelten die Festungsstadt in ein dreimonatiges Meer aus Plasmafeuer. Doch der Nukleus war nicht tot. Überlebende hatten sich in Schlupflöcher gerettet, Morde an neugierigen Besuchern und Inspektoren im Sperrgebiet vertuscht und die Saat neu ausgebracht.
Nun drohte der offene Aufstand. Gohmor brannte bereits an den Mauern, der Östliche Zechenverband schottete sich mit zwei Millionen potenziell Infizierten ab, und im Dschungel von Luht desertierte eine ganze Brigade der PVS, weil sie vor etwas floh, das dort mit vier Armen und sichelförmigen Klingen hauste. Von dem Anschlag auf die Ratshalle ganz zu schweigen. Ein Dolchstoß, direkt in das Herz Gohmors. Letztlich der Auslöser für Ulrich, die Macht wieder an sich zu ziehen.
Eine andere Agentengruppe der Inquisition befand sich bereits auf dem Weg zu eben jener Grünen Zitadelle. Diese Hauptgruppe sollte die verbliebenen Geheimnisse in den Ruinen ausgraben und Bedrohungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ausschalten. Auch, um etwaige Karten gegen die Gouverneursgattin de Wajari in der Hauptstadt in der Hand zu haben.
Das war interessant. De Wajari war vom Adelsrat auf den Gouverneursposten gehoben worden, weil weder Orsius noch Sirs die Waagschale des Einflusses ganz in ihre Richtung hatten kippen können. So hatte man sich durch Vermeidung darauf geeinigt, einen Kandidaten aus einem unbedeutenden Haus einzusetzen. Schwach an Leib und Willen. Leicht zu ersetzen, wenn die eigene Position es hergab.
Die Frau des Gouverneurs versuchte, dem entgegenzuwirken. Sie machte sich beim Volk beliebt und schloss jetzt Bündnisse mit imperialen Organisationen. Mit der Inquisition hatte sie aber vielleicht mehr vom Kuchen abgebissen, als sie schlucken konnte.
Sollten sie und ihr Gemahl im Zuge dieser Säuberung des Planeten fallen, würde vielleicht ein Ulrich Orsius neuer Gouverneur werden. Ein Amt auf Lebenszeit für einen Mann, der vom Sterben nicht viel hält. 
Das waren Gedanken, die weiterzuverfolgen lohnend sein konnte.

Jetzt galt es jedoch erst einmal, die Mission durchzuziehen.
Die Hauptgruppe durfte unter keinen Umständen auffliegen, bevor sie ihr Ziel erreichte. Und genau hier kam Kastor ins Spiel.
Ein kleiner Wach- und Beobachtungsposten im Maramor-Korridor, hatte Elviras Stimme in der Dunkelheit des Bunkers befohlen, während die Projektion eine körnige Aufnahme von einer kleinen befestigten Stellung zeigte. Eingebettet in einen kleinen Hügel, umgeben von dichten Nadelwäldern.
Vier Mann. Sie patrouillieren in der Randzone dieses fünfzehn Kilometer breiten Waldgürtels. Wenn sie die geplante Luftlandung der Inquisitionsfähren beobachten und Alarm schlagen, kollabiert die gesamte Operation, bevor sie begonnen hat. Löschen Sie sie aus. Keine Überlebenden. Keine Funksprüche. Keine Spuren.
Wenn es wie ein Unglück aussieht gut. Wenn nicht, dann ist es nicht zu vermeiden. Anschließend gehen sie nach Norden und nehmen Kontakt auf. Dann erfolgen weitere Anweisungen.
Es war eine typische Mission für einen Dragoner der alten Schule: effizient, lautlos, absolut tödlich. Und es waren nur vier.

Ein plötzlicher, heftiger Ruck ging durch den Hubschrauber, als die Maschine die Nase hochnahm und in einen Schwebeflug überging. Das grüne Bereitschaftslicht über der massiven Ladeklappe sprang mit einem klackenden Geräusch auf warnendes Rot um.
Kastor erhob sich. Die Zeit des Erinnerns und Analysierens war vorbei. Die eisige Realität der Provinz Casiov hatte ihn wieder. Der Maramor-Korridor wartete.
Der Techniker kam nach vorn, trat ein Seil in die Tiefe und zeigte dem Dragoner den nach oben gereckten Daumen. Kastor hakte seine Ausrüstung ein, schickte sie voraus und folgte dann selbst.
Kaum hatte er den Boden berührt und sich gelöst, wurde das Seil eingeholt, und sein Taxi entschwand, reichlich Wind verursachend über den Wipfeln.
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Läuterung - von Die Stimme - 02-19-2025, 10:38 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 02-21-2025, 03:51 PM
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