08-24-2026, 02:40 PM
In vielerlei Hinsicht war die große Ratshalle des Hauses Orsius schon immer ein unnachgiebiges Abbild des Adelsgeschlechts selbst gewesen.
Doch wo vor einem halben Jahr noch das gedämpfte, paranoide Tuscheln der Altvorderen die gewaltigen Dimensionen des Raumes gefüllt hatte, herrschte nun eine Grabesstille, die schwer wie Blei auf dem nackten Beton lastete.
Die Halle war ein Monument des Finalbrutalismus. Keine barocken Schnörkel, kein imperiales Blendwerk und keine schmeichelnden Verzierungen lenkten von der rohen, geometrischen Zweckmäßigkeit ab, die Orsius seit Generationen ausmachte. Die Wände bestanden aus massivem, grau angelaufenem Ceramit- und Stahlbeton, dessen Verschalungsmuster im fahlen Licht wie die Narben eines uralten Kriegers wirkten. Alles hier war für Riesen geschaffen, kantig und absolut unbarmherzig. Die Decke verlor sich weit oben in einer dunstigen, schwärzlichen Ewigkeit, sodass man sich im Zentrum des Raumes vorkam, als stünde man auf einer unendlichen, dunklen Ebene unter freiem Himmel.
Doch die Machtverhältnisse hatten sich verschoben, und die Architektur hatte sich der neuen Realität angepasst.
Wo einst der verschachtelte Block aus Würfeln und Quadern – dieses gewaltige, kubistische Kunstwerk zur Verherrlichung des rechten Winkels – als Sockeltisch für die mehr oder minder gleichberechtigten Herrscher gedient hatte, war das Gefüge aufgebrochen worden. Die steilen, aufragenden Stehlen, auf denen ehemals die acht Altvorderen in ihren blutroten Roben thronten, lagen nun verwaist im Halbdunkel. Niemand saß mehr dort oben, um über das Schicksal von Koron III zu feilschen. Stattdessen ragten die leeren Betonpfeiler nun wie die stumpfen Zacken einer monumentalen, steinernen Krone in die Höhe – und sie alle schauten hinab auf das neue Zentrum der Macht.
Direkt vor dem Sockelkonstrukt war eine neue Struktur aus dem exakt selben, rauen Stein erschaffen worden: Ein erhöhter Sitz. Ein Thron, der sich in seiner abstrakten, kubistischen Symbolik nahtlos in die brutale Geometrie der Halle einfügte. Er wirkte nicht wie ein Möbelstück, sondern wie ein aus dem Fundament des Planeten herausgebrochener Keil.
Es war der Thron des Mannes, der keine Wahl mehr brauchte. Der Thron von Ulrich Orsius.
Der einzige Lichtstrahl, der die Finsternis von schräg oben durchschnitt, war nun exakt auf diesen Thron fokussiert. Er beleuchtete das unheimliche Epizentrum des Hauses, während die langen, unbequemen Ränge der niederen Hausangehörigen im tiefen Schatten versanken. Die Demokratie des Rates war tot. Was geblieben war, war die nackte, zweckmäßige Autokratie eines wandelnden Sarkophags.
Die titanischen Flügeltüren am Ende der Halle glitten mit einem dumpfen, hydraulischen Grollen auseinander. Das Geräusch echote sekundenlang von den kahlen Betonwänden wider, bevor es von der Schwärze der Decke verschlungen wurde.
Kastor „Smiley“ Arthelis trat ein. Allein.
Inmitten dieses Gigantismus wirkte eine menschliche Silhouette oft wie die eines winzigen Insekts. Doch Kastor besaß die Präsenz eines Mannes, der zu viel Tod gesehen hatte, um von kalten Steinen eingeschüchtert zu werden. Seine schwarze Paradeuniform der Dragoner schluckte das spärliche Licht der Halle. Keine glänzenden Orden verzierten seine Brust – der wahre Soldat trug seine Auszeichnungen im Fleisch. Seine bionisch modifizierte rechte Schulter, die klobigen Linien der kybernetischen Prothesen, die er einst aus den Tyraniden-Kriegen gerettet hatte, zeichneten sich kantig unter dem dunklen Stoff ab. Sie summten leise, ein stetiger Gegentakt zur Monotonie der Halle. Unter seiner linken Achsel klemmte das nachtfarbene Barett, während auf seinem linken Handrücken die Tätowierung des Grinsens im fahlen Lichtschein sichtbar wurde.
Ein zynischer Kontrast zu der sakralen Schwere des Raumes.
Sein Stiefeltritt hallten präzise auf dem rohen Ceramitboden, als er die unendliche Distanz bis zum Thron überbrückte. Vor dem aufragenden Betonkeil Ulrichs kam er zum Stehen.
Kastor kniete nicht. Er würde es niemals tun. Kein Schwarzer Dragoner kniete – nicht vor den Altvorderen, nicht vor dem Gouverneur, und nicht einmal vor der gütigen Herrlichkeit Terras.
Und Ulrich Orsius wusste das.
Er verlangte es nicht. Es wäre der Schandfleck einer Schwäche gewesen, die der Hochbaron… der Schattenbaron zutiefst verabscheute. Ein Dragoner diente mit aufrechtem Rücken, bereit, im Stehen zu sterben.
Stattdessen schlug Kastor die Hacken zusammen. Seine Hand schnellte an die Schläfe. Ein messerscharfer, schnörkelloser Salut. Zweckmäßigkeit in Bewegung.
Von hoch oben, eingebettet in das vier Meter messende, prunkvolle Exoskelett aus schwarzem Metall und meisterhaft geformten Sehnenplatten, blickten die lebhaften Augen der Mumie im gelblichen Nährschlamm-Zylinder auf ihn herab. Das stetige, staccatoartige Summen der künstlichen Lungen Ulrichs füllte die Luft.
Zwischen diesem uralten Relikt und den Dragonern existierte ein Band, das die reguläre Hausarmee – die verächtlich so genannten „Ölköpfe“ – niemals verstehen würde. Die Truppe war Ulrich fanatisch ergeben. Für die Dragoner war dieser wandelnde Sarkophag kein unheimliches Monster und kein politischer Usurpator. Er war ein lebender Mythos. Ulrich war ein fleischgewordener Teil ihrer eigenen Gründungsgeschichte, der Inbegriff des absoluten Leidens für eine größere Sache. Er hatte seinen Körper opfern lassen, um den Geist des Hauses Orsius über Jahrhunderte hinweg durch die Stürme des Schicksals zu steuern. Wenn dieser Mann sprach, dann sprach das Fundament von Koron III. Seine Grausamkeit war für die Dragoner keine Bosheit, sondern die pure, mathematische Logik des Überlebens.
Sie vertrauten ihm blind, weil er bewiesen hatte, dass er selbst vor der Hölle des eigenen Unlebens nicht zurückschreckte, um die Macht des Hauses zu sichern. Er war dem Gottkaiser nicht so unähnlich.
Erklärter Segetor Arthelis , die synthetische Elektrostimme Ulrichs knisterte auf, ein Geräusch, das Kastor wie ein physischer Stoß durch die Knochen bis in die Zahnfüllungen vibrieren ließ.
Ulrich hatte die alten Ränge des Hauses kurz nach seiner Machtergreifung wieder in Kraft gesetzt. Es waren die Bezeichnungen, die schon vor Jahrhunderten im blutigen Vernichtungsfeldzug gegen den Chaos-Kult Rasankur Verwendung gefunden hatten. Keine faden Anlehnungen an die Dienstgrade der Imperialen Armee oder anderer Adelsgeschlechter. Das hätte die Dragoner gewöhnlich gemacht, hätte sie auf eine Stufe mit gewöhnlichen Soldaten gestellt.
Aber das waren sie nicht. Sie waren die Prätorianer dieses Hauses.
Ich freue mich, dich zu sehen, fuhr die Stromstimme des alten Herrschers fort. Ein Getreuer der ersten Stunde.
Der ersten Stunde. Kastors Blick blieb starr auf die kybernetische Monstrosität gerichtet, während seine Erinnerungen ein halbes Jahr zurückreisten. Er war dabei gewesen. In jener entscheidenden Nacht, als das Schicksal von Haus Orsius auf eine neue Richtung bekommen hatte. Es war ein bizarrer, unblutiger Putsch gewesen – so präzise und lautlos exekutiert, dass die Außenwelt außerhalb der massiven Festungsmauern bis heute nicht das Geringste davon mitbekommen hatte. Keine Toten, keine abgegebenen Schüsse, kein hysterischer Alarm in den Korridoren. Und doch war die Botschaft unmissverständlich gewesen.
Wie eine eiskalte, schwarze Flut waren die Dragoner in die Kontrollzentren und Kasernen vorgerückt. Sie hatten die reguläre Hausarmee schlicht überrannt, entwaffnet, isoliert und vor vollendete Tatsachen gestellt, noch bevor diese überhaupt begriffen, wer ihnen gegenüberstand. Die Dragoner hatten die absolute Kontrolle übernommen und sich unumstößlich über die gesamte militärische Struktur des Hauses gestellt. Sie waren zu Königsmachern aufgestiegen. Sie hatten das Urteil vollstreckt, und Ulrich war ihr Herold, die auferstandene Seele der Orsius.
Kastor selbst war in der vordersten Reihe marschiert, als sie die titanischen Türen der Ratshalle aufstießen, um den zitternden Altvorderen ihren neuen, alten Hochbaron zu präsentieren. Seit diesem Moment hatte er keine Atempause gehabt. Auf direkten, verschlüsselten Befehl Ulrichs hatte er als Segetor verschiedenste verdeckte Operationen in den tiefsten Sub-Ebenen der Makropole durchgeführt. Er hatte Saboteure von Haus Siris im Stillen liquidiert, Streiks in den Zechen erstickt und dafür gesorgt, dass Ulrichs eiserner Griff um die Produktion keine Sekunde lockerte.
Effizient, verschwiegen und loyal.
Die Zeiten ändern sich,Arthelis, fuhr die Halbmaschine fort. Einer der kleinen, fast verkümmert wirkenden Brustarme Ulrichs vollführte eine langsame, einladende Bewegung nach rechts, hinein in den tiefen Schatten des Throns. Die Verdrebten schütteln das Fundament dieser Welt, und das Spiel verlangt nach neuen Einsätzen. Es ist an der Zeit, dass du deine Talente einem... erweiterten Zweck zuführst.
Im Dunkel neben Ulrich glomm etwas Grünes, leicht phosphoreszierendes. Ein Insekt… nein, eine kleine Spinne. Ihr aus dem Schwarz folgte die lichte Gestalt einer Frau, auf deren Wange sich die Spinne als Elektro-Tätowierung entpuppte, deren hauchdünne Beine sich in einer schnellen aber nicht hastigen Bewegung über ihre Wange und den Hals hinabzogen.
Das ist Lady Elvira knirschte Ulrich. Gesand von einer der höchsten Institutionen des Imperiums. Der heiligen Inquisition.
Die Frau bildete einen scharfen, fast schockierenden Kontrast zu dem rohen Betonmeer, das sie umgab. Elvira schritt wie eine gleißende Klinge durch die Finsternis. Sie trug ein blendend weißes, asymmetrisches Avantgarde-Ensemble, das von einer beinahe architektonischen Strenge zeugte. Über einem eleganten, tief ausgeschnittenen Oberteil lag ein kunstvoll geschneidertes Sakko, über dessen Schultern ein schwerer, weißer Mantel wie ein rituelles Gewand drapiert war. Eine schmale, schwarze Krawatte und dunkle Strümpfe brachen die sterile Helligkeit ihres Outfits mit unterkühlter Eleganz. Zu dieser Erscheinung, die vielleicht auf einen Laufsteg oder eine Oligarchen Festivität gepasst hätte, wollte es nicht passen, dass sie plötzlich in die Luft schnüffelte wie ein Wiesel.
Er hat keine Angst, stellte sie fest. Ihre Stimme war leise, rauchig und beaß eine Melodie, die so gar nicht zu dem synthetischen Fauchen Ulrichs passen wollte. Während sie sprach, verblasste die grüne Spinne auf ihrer Wange zu einem kaum wahrnehmbaren Schatten.
Vielleicht weiß er nicht was die Inquisition ist. Aber es ist auch so selten, bei Männern, die vor dem Thron eines Hochbarons stehen. Besonders vor einem mit eurer Präsenz, mein hoher Herr Ulrich.
Die Dragoner fürchten nur das Versagen, Lady Elvira, krächzte die Stromstimme Ulrichs aus seinem Nährschlamm-Zylinder. Das Exoskelett stieß eine Wolke aus öligem Rauch aus, die sich träge um den Betonkeil legte. Arthelis kennt darüber hinaus die Schrecken, die zwischen den Sternen lauern. Er ist der lebende Beweis, dass man gegen diese Schrecken stehen und obsiegen kann. Der Verstand eines Söldners, aber das Herz eines Prätorianers. Er stellt keine Fragen. Er exekutiert. Er ist das schärfste Werkzeug, das meine Reformen hervorgebracht haben.
Das Imperium verlangt nach Männern, die im Dunkeln jagen können, ohne selbst blind zu werden, sagte Elvira und tat einen langsamen, fast schwebenden Schritt auf Kastor zu. Das leise Klicken ihrer Absätze war das verstohlene Gegenstück zu dem harten Dröhnen seiner eigenen Soldatenstiefel.
Der Hochbaron hat mir versichert, dass Haus Orsius die Bemühungen der Heiligen Inquistion vollumfänglich unterstützt. Als Geste des guten Willens... in diesen unruhigen Zeiten.
Ein Geschenk, Segetor, warf Ulrichs ein. Ein elektronisches Klicken signalisierte das Umschalten seiner Audio-Rezeptoren. Ich überstelle dich ihrem Meister. Du wirst das Haus Orsius in den Reihen der Inquisition repräsentieren. Deine Klinge gehört ab heute der Inquisiton.
Fremder Griff am Stahl.
Deine Klinge gehört
ab heute ihnen.
Doch das Eisen weiß:
Treu dem ersten Schmied.
Eine sicher nicht zufällig gewähltes Zitat aus der orsianischen Waffen Lyrik. Eine Mahung daran wo die Loyalität zu liegen hat.
Doch wo vor einem halben Jahr noch das gedämpfte, paranoide Tuscheln der Altvorderen die gewaltigen Dimensionen des Raumes gefüllt hatte, herrschte nun eine Grabesstille, die schwer wie Blei auf dem nackten Beton lastete.
Die Halle war ein Monument des Finalbrutalismus. Keine barocken Schnörkel, kein imperiales Blendwerk und keine schmeichelnden Verzierungen lenkten von der rohen, geometrischen Zweckmäßigkeit ab, die Orsius seit Generationen ausmachte. Die Wände bestanden aus massivem, grau angelaufenem Ceramit- und Stahlbeton, dessen Verschalungsmuster im fahlen Licht wie die Narben eines uralten Kriegers wirkten. Alles hier war für Riesen geschaffen, kantig und absolut unbarmherzig. Die Decke verlor sich weit oben in einer dunstigen, schwärzlichen Ewigkeit, sodass man sich im Zentrum des Raumes vorkam, als stünde man auf einer unendlichen, dunklen Ebene unter freiem Himmel.
Doch die Machtverhältnisse hatten sich verschoben, und die Architektur hatte sich der neuen Realität angepasst.
Wo einst der verschachtelte Block aus Würfeln und Quadern – dieses gewaltige, kubistische Kunstwerk zur Verherrlichung des rechten Winkels – als Sockeltisch für die mehr oder minder gleichberechtigten Herrscher gedient hatte, war das Gefüge aufgebrochen worden. Die steilen, aufragenden Stehlen, auf denen ehemals die acht Altvorderen in ihren blutroten Roben thronten, lagen nun verwaist im Halbdunkel. Niemand saß mehr dort oben, um über das Schicksal von Koron III zu feilschen. Stattdessen ragten die leeren Betonpfeiler nun wie die stumpfen Zacken einer monumentalen, steinernen Krone in die Höhe – und sie alle schauten hinab auf das neue Zentrum der Macht.
Direkt vor dem Sockelkonstrukt war eine neue Struktur aus dem exakt selben, rauen Stein erschaffen worden: Ein erhöhter Sitz. Ein Thron, der sich in seiner abstrakten, kubistischen Symbolik nahtlos in die brutale Geometrie der Halle einfügte. Er wirkte nicht wie ein Möbelstück, sondern wie ein aus dem Fundament des Planeten herausgebrochener Keil.
Es war der Thron des Mannes, der keine Wahl mehr brauchte. Der Thron von Ulrich Orsius.
Der einzige Lichtstrahl, der die Finsternis von schräg oben durchschnitt, war nun exakt auf diesen Thron fokussiert. Er beleuchtete das unheimliche Epizentrum des Hauses, während die langen, unbequemen Ränge der niederen Hausangehörigen im tiefen Schatten versanken. Die Demokratie des Rates war tot. Was geblieben war, war die nackte, zweckmäßige Autokratie eines wandelnden Sarkophags.
Die titanischen Flügeltüren am Ende der Halle glitten mit einem dumpfen, hydraulischen Grollen auseinander. Das Geräusch echote sekundenlang von den kahlen Betonwänden wider, bevor es von der Schwärze der Decke verschlungen wurde.
Kastor „Smiley“ Arthelis trat ein. Allein.
Inmitten dieses Gigantismus wirkte eine menschliche Silhouette oft wie die eines winzigen Insekts. Doch Kastor besaß die Präsenz eines Mannes, der zu viel Tod gesehen hatte, um von kalten Steinen eingeschüchtert zu werden. Seine schwarze Paradeuniform der Dragoner schluckte das spärliche Licht der Halle. Keine glänzenden Orden verzierten seine Brust – der wahre Soldat trug seine Auszeichnungen im Fleisch. Seine bionisch modifizierte rechte Schulter, die klobigen Linien der kybernetischen Prothesen, die er einst aus den Tyraniden-Kriegen gerettet hatte, zeichneten sich kantig unter dem dunklen Stoff ab. Sie summten leise, ein stetiger Gegentakt zur Monotonie der Halle. Unter seiner linken Achsel klemmte das nachtfarbene Barett, während auf seinem linken Handrücken die Tätowierung des Grinsens im fahlen Lichtschein sichtbar wurde.
Ein zynischer Kontrast zu der sakralen Schwere des Raumes.
Sein Stiefeltritt hallten präzise auf dem rohen Ceramitboden, als er die unendliche Distanz bis zum Thron überbrückte. Vor dem aufragenden Betonkeil Ulrichs kam er zum Stehen.
Kastor kniete nicht. Er würde es niemals tun. Kein Schwarzer Dragoner kniete – nicht vor den Altvorderen, nicht vor dem Gouverneur, und nicht einmal vor der gütigen Herrlichkeit Terras.
Und Ulrich Orsius wusste das.
Er verlangte es nicht. Es wäre der Schandfleck einer Schwäche gewesen, die der Hochbaron… der Schattenbaron zutiefst verabscheute. Ein Dragoner diente mit aufrechtem Rücken, bereit, im Stehen zu sterben.
Stattdessen schlug Kastor die Hacken zusammen. Seine Hand schnellte an die Schläfe. Ein messerscharfer, schnörkelloser Salut. Zweckmäßigkeit in Bewegung.
Von hoch oben, eingebettet in das vier Meter messende, prunkvolle Exoskelett aus schwarzem Metall und meisterhaft geformten Sehnenplatten, blickten die lebhaften Augen der Mumie im gelblichen Nährschlamm-Zylinder auf ihn herab. Das stetige, staccatoartige Summen der künstlichen Lungen Ulrichs füllte die Luft.
Zwischen diesem uralten Relikt und den Dragonern existierte ein Band, das die reguläre Hausarmee – die verächtlich so genannten „Ölköpfe“ – niemals verstehen würde. Die Truppe war Ulrich fanatisch ergeben. Für die Dragoner war dieser wandelnde Sarkophag kein unheimliches Monster und kein politischer Usurpator. Er war ein lebender Mythos. Ulrich war ein fleischgewordener Teil ihrer eigenen Gründungsgeschichte, der Inbegriff des absoluten Leidens für eine größere Sache. Er hatte seinen Körper opfern lassen, um den Geist des Hauses Orsius über Jahrhunderte hinweg durch die Stürme des Schicksals zu steuern. Wenn dieser Mann sprach, dann sprach das Fundament von Koron III. Seine Grausamkeit war für die Dragoner keine Bosheit, sondern die pure, mathematische Logik des Überlebens.
Sie vertrauten ihm blind, weil er bewiesen hatte, dass er selbst vor der Hölle des eigenen Unlebens nicht zurückschreckte, um die Macht des Hauses zu sichern. Er war dem Gottkaiser nicht so unähnlich.
Erklärter Segetor Arthelis , die synthetische Elektrostimme Ulrichs knisterte auf, ein Geräusch, das Kastor wie ein physischer Stoß durch die Knochen bis in die Zahnfüllungen vibrieren ließ.
Ulrich hatte die alten Ränge des Hauses kurz nach seiner Machtergreifung wieder in Kraft gesetzt. Es waren die Bezeichnungen, die schon vor Jahrhunderten im blutigen Vernichtungsfeldzug gegen den Chaos-Kult Rasankur Verwendung gefunden hatten. Keine faden Anlehnungen an die Dienstgrade der Imperialen Armee oder anderer Adelsgeschlechter. Das hätte die Dragoner gewöhnlich gemacht, hätte sie auf eine Stufe mit gewöhnlichen Soldaten gestellt.
Aber das waren sie nicht. Sie waren die Prätorianer dieses Hauses.
Ich freue mich, dich zu sehen, fuhr die Stromstimme des alten Herrschers fort. Ein Getreuer der ersten Stunde.
Der ersten Stunde. Kastors Blick blieb starr auf die kybernetische Monstrosität gerichtet, während seine Erinnerungen ein halbes Jahr zurückreisten. Er war dabei gewesen. In jener entscheidenden Nacht, als das Schicksal von Haus Orsius auf eine neue Richtung bekommen hatte. Es war ein bizarrer, unblutiger Putsch gewesen – so präzise und lautlos exekutiert, dass die Außenwelt außerhalb der massiven Festungsmauern bis heute nicht das Geringste davon mitbekommen hatte. Keine Toten, keine abgegebenen Schüsse, kein hysterischer Alarm in den Korridoren. Und doch war die Botschaft unmissverständlich gewesen.
Wie eine eiskalte, schwarze Flut waren die Dragoner in die Kontrollzentren und Kasernen vorgerückt. Sie hatten die reguläre Hausarmee schlicht überrannt, entwaffnet, isoliert und vor vollendete Tatsachen gestellt, noch bevor diese überhaupt begriffen, wer ihnen gegenüberstand. Die Dragoner hatten die absolute Kontrolle übernommen und sich unumstößlich über die gesamte militärische Struktur des Hauses gestellt. Sie waren zu Königsmachern aufgestiegen. Sie hatten das Urteil vollstreckt, und Ulrich war ihr Herold, die auferstandene Seele der Orsius.
Kastor selbst war in der vordersten Reihe marschiert, als sie die titanischen Türen der Ratshalle aufstießen, um den zitternden Altvorderen ihren neuen, alten Hochbaron zu präsentieren. Seit diesem Moment hatte er keine Atempause gehabt. Auf direkten, verschlüsselten Befehl Ulrichs hatte er als Segetor verschiedenste verdeckte Operationen in den tiefsten Sub-Ebenen der Makropole durchgeführt. Er hatte Saboteure von Haus Siris im Stillen liquidiert, Streiks in den Zechen erstickt und dafür gesorgt, dass Ulrichs eiserner Griff um die Produktion keine Sekunde lockerte.
Effizient, verschwiegen und loyal.
Die Zeiten ändern sich,Arthelis, fuhr die Halbmaschine fort. Einer der kleinen, fast verkümmert wirkenden Brustarme Ulrichs vollführte eine langsame, einladende Bewegung nach rechts, hinein in den tiefen Schatten des Throns. Die Verdrebten schütteln das Fundament dieser Welt, und das Spiel verlangt nach neuen Einsätzen. Es ist an der Zeit, dass du deine Talente einem... erweiterten Zweck zuführst.
Im Dunkel neben Ulrich glomm etwas Grünes, leicht phosphoreszierendes. Ein Insekt… nein, eine kleine Spinne. Ihr aus dem Schwarz folgte die lichte Gestalt einer Frau, auf deren Wange sich die Spinne als Elektro-Tätowierung entpuppte, deren hauchdünne Beine sich in einer schnellen aber nicht hastigen Bewegung über ihre Wange und den Hals hinabzogen.
Das ist Lady Elvira knirschte Ulrich. Gesand von einer der höchsten Institutionen des Imperiums. Der heiligen Inquisition.
Die Frau bildete einen scharfen, fast schockierenden Kontrast zu dem rohen Betonmeer, das sie umgab. Elvira schritt wie eine gleißende Klinge durch die Finsternis. Sie trug ein blendend weißes, asymmetrisches Avantgarde-Ensemble, das von einer beinahe architektonischen Strenge zeugte. Über einem eleganten, tief ausgeschnittenen Oberteil lag ein kunstvoll geschneidertes Sakko, über dessen Schultern ein schwerer, weißer Mantel wie ein rituelles Gewand drapiert war. Eine schmale, schwarze Krawatte und dunkle Strümpfe brachen die sterile Helligkeit ihres Outfits mit unterkühlter Eleganz. Zu dieser Erscheinung, die vielleicht auf einen Laufsteg oder eine Oligarchen Festivität gepasst hätte, wollte es nicht passen, dass sie plötzlich in die Luft schnüffelte wie ein Wiesel.
Er hat keine Angst, stellte sie fest. Ihre Stimme war leise, rauchig und beaß eine Melodie, die so gar nicht zu dem synthetischen Fauchen Ulrichs passen wollte. Während sie sprach, verblasste die grüne Spinne auf ihrer Wange zu einem kaum wahrnehmbaren Schatten.
Vielleicht weiß er nicht was die Inquisition ist. Aber es ist auch so selten, bei Männern, die vor dem Thron eines Hochbarons stehen. Besonders vor einem mit eurer Präsenz, mein hoher Herr Ulrich.
Die Dragoner fürchten nur das Versagen, Lady Elvira, krächzte die Stromstimme Ulrichs aus seinem Nährschlamm-Zylinder. Das Exoskelett stieß eine Wolke aus öligem Rauch aus, die sich träge um den Betonkeil legte. Arthelis kennt darüber hinaus die Schrecken, die zwischen den Sternen lauern. Er ist der lebende Beweis, dass man gegen diese Schrecken stehen und obsiegen kann. Der Verstand eines Söldners, aber das Herz eines Prätorianers. Er stellt keine Fragen. Er exekutiert. Er ist das schärfste Werkzeug, das meine Reformen hervorgebracht haben.
Das Imperium verlangt nach Männern, die im Dunkeln jagen können, ohne selbst blind zu werden, sagte Elvira und tat einen langsamen, fast schwebenden Schritt auf Kastor zu. Das leise Klicken ihrer Absätze war das verstohlene Gegenstück zu dem harten Dröhnen seiner eigenen Soldatenstiefel.
Der Hochbaron hat mir versichert, dass Haus Orsius die Bemühungen der Heiligen Inquistion vollumfänglich unterstützt. Als Geste des guten Willens... in diesen unruhigen Zeiten.
Ein Geschenk, Segetor, warf Ulrichs ein. Ein elektronisches Klicken signalisierte das Umschalten seiner Audio-Rezeptoren. Ich überstelle dich ihrem Meister. Du wirst das Haus Orsius in den Reihen der Inquisition repräsentieren. Deine Klinge gehört ab heute der Inquisiton.
Fremder Griff am Stahl.
Deine Klinge gehört
ab heute ihnen.
Doch das Eisen weiß:
Treu dem ersten Schmied.
Eine sicher nicht zufällig gewähltes Zitat aus der orsianischen Waffen Lyrik. Eine Mahung daran wo die Loyalität zu liegen hat.

