Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Läuterung
#56
Die Fahrt verlief eigentlich recht unspektakulär. Aber das wurde ihnen erst im Nachhinein bewusst.
Es gab mehrere Momente, die ihre Nerven auf die Zerreißprobe stellten, auch wenn sich dann herausstellte, dass sie wahrscheinlich gar nicht gemeint waren. Einmal hatte Cassian den Eindruck, ein Motorrad verfolge sie. Der ganz in Schwarz gekleidete Fahrer blieb verdächtig lange hinter ihnen, obwohl sein Fahrzeug es hergegeben hätte, dass er sich durch den zäh fließenden Verkehr schlängelte, wo andere nicht vorankamen. Der verspiegelte Helm machte es unmöglich, den Fahrer genauer in Augenschein zu nehmen. Der Bursche war eine ganze Weile hinter ihnen gefahren, immer nur ein paar Autos zwischen ihnen, und dann und wann scherte er aus, als wolle er prüfen, ob sie noch da waren. Das war verdächtig, aber erst einmal kein Beweis für irgendetwas.
Sie mussten vermeiden, überall den Feind zu sehen, denn dann wurde gebotene Vorsicht von Paranoia abgelöst. Tatsächlich verschwand er, nachdem sie den Stau passiert hatten. Cassian hielt dennoch die Augen offen, ob er vielleicht einfach durch einen anderen Verfolger abgelöst worden war. Das wäre das Standardprozedere einer semiprofessionellen Verfolgung gewesen. Allerdings konnte er nichts Derartiges erkennen. Dennoch nahm er ein paar abruptere Fahrmanöver vor, um auf Nummer sicher zu gehen.
Einmal hörten sie Schüsse, konnten aber recht schnell ausmachen, dass sich dort nur die PVSP mit einer der einheimischen Gangs ein Stelldichein gab.
Sie machten Pausen, immer dann, wenn Doc seiner Pflicht nachkommen musste. 
Er und Kruger sahen schlecht aus. Sie waren bleich, und ihre Augen von schwarzen Ringen umgeben. Das mochte an der wenig komfortablen Art des Reisens liegen, an den Strapazen der letzten Stunden oder aber am giftigen Einfluss der Hexe. Gut möglich, dass sie ihre Verderbtheit auch im bewusstlosen Zustand absonderte, wie stinkenden Schweiß. Immerhin erwachte sie nicht, und immerhin richteten die beiden Soldaten in der stählernen Kiste des Transportraums nicht die Waffen gegeneinander.
Die letzten Stunden der Fahrt verbrachten sie in relativer Stille. Kurt gab dann und wann Richtungsangaben. Er hatte inzwischen eine Straßenkarte zur Hilfe genommen, denn kein Mensch, selbst wenn er sein ganzes Leben in der Makropole verbracht hätte, konnte solche Wege über eine grobe Richtung hinaus kennen.

Das Viertel, in das sie schließlich kamen, unterschied sich in Nichts, von den tausenden anderer dieser Art. Cassian kannte es nicht, aber er kannte Viertel wie dieses zur Genüge.
Das Gesicht einer Stadt, die sich keine Mühe mehr gab. Säulen zwischen Boden und Decke, überzogen mit blinden Fenstern, hinter denen das Leben in geregelten, freudlosen Bahnen verlief. Leuchtreklamen prangten an den Fassaden und waren die einzige Unterbrechung – neben Graffiti-Schmierereien – im braun-grauen Einerlei standardisierter Wohnhabitate. Kein Brennpunkt der Kriminalität. Häusliche Gewalt, Drogen und Trunksucht. Aber keine überbordende Prostitution oder ausgeprägte Gangaktivität. 
Ein weise gewählter Standort für ein Inquisitionsversteck. Nicht fein genug, dass sich die Bewohner um irgendetwas scherten, was ihre Nachbarn taten, und nicht armselig genug, dass Gangster oder Ordnungshüter ihre Nase in Dinge steckten, die sie nichts angingen.
Dann schob sich ihr Ziel ins Sichtfeld.
Die Außenmauer füllte langsam den Horizont. Grauer Stahlbeton, massig und schwer, hier und da mit titanischen Zahlen besprüht, deren Bedeutung nur Eingeweihten zugänglich war. Das Korsett, das die Makropole einschnürte. Es hatte etwas Endgültiges. Das befestigte Ende der zivilisieren Welt. Sei nicht so dumm und versuche herauszufinden, was auf der anderen Seite liegt.

Kurt rief Elvira an und kündigte ihr Kommen in etwa einer halben Stunde an. Entsprechend stand man auf dem Parkplatz bereit. Elvira trug einen Regenmantel aus durchsichtigem Plastik – praktikabel bei dem leichten, sauren Regen, der seit einer Weile niederging, und gleichzeitig offensichtlich darauf ausgelegt, so wenig wie möglich zu verbergen. Die sorgfältig ausgewählte Unterwäsche darunter war kein Versehen. Schwarze Spitze, sparsam geschnitten, mit dem Kalkül getragen, dass der Blick genau dort landete, wo sie ihn haben wollte. Lächerlich und wirkungsvoll zugleich.
Sie hatte einen Servitor dabei, der durch einen großen Kapuzenmantel vor allzu neugierigen Blicken geschützt war, aber dennoch unförmig und fehl am Platz wirkte. Der dichte Schleier aus leicht ätzendem Niederschlag war noch am ehesten ein Garant dafür, dass keine Passanten auf sie aufmerksam wurden. Der einsetzende Wechsel von Tages- zu Nachtbeleuchtung tat sein Übriges.
Die Gefangene wurde abgekettet und wenig umständlich in einen Sack gesteckt. Dann warf der Servitor sie sich grunzend und klickend über die Schulter und stapfte in Richtung Aufzugsbühne. Während sich der Wachmann um den Wagen kümmerte, folgten die anderen dem stoisch voranschreitenden Menschautomaten.

Nach einer vertikalen Fahrt die Mauer empor, öffnete sich die Schleusen mit dem Geräusch zurückgleitender Riegel und Bolzen und dem schweren Seufzen hydraulischer Dichtungen.
Was sie empfing, war für die drei ehemaligen Soldaten anders als bei ihrer Abreise und für den Arbites ohnehin gänzlich neu. Die Luft roch nach mehr Menschen, nach frisch aufgewärmtem Essen, nach dem eigentümlichen Odem von Öl – heiligem wie profanem Ursprungs – und nach ausgiebig genutzter Elektronik. Die Anlage hatte sich gefüllt.
Im Schleusenbereich registrierte Cassian die Geschütztürme unter der Decke, die Linsen, die jedem Schritt folgten, aber jetzt waren auch Augen aus Fleisch und Blut dabei, wie die anderen bemerkten. Zwei Posten flankierten den inneren Eingang, bewaffnet mit Elektrowerfern und Laserpistolen. Ihre Blicke registrierten die Gruppe, blieben an dem abgedeckten Paket über der Schulter des Servitors hängen und wanderten weiter. Professionell. Geschult.
Die beiden Männer trugen die rötlich-braune Körperpanzerung über schwarzen Kombinationen, wie die drei Soldaten sie in der Waffenkammer gesehen hatten. Elvira nickte ihnen knapp zu und passierte den Posten. Über die Schulter blickend erklärte sie:
Wir haben 22 Männer und Frauen, die dem Herrn Inquisitor als Garde dienen. Im Gegensatz zu euch sind sie keine Feldagenten. Ihre einzige Aufgabe ist es, das Leben des Inquisitors und seines Besitzes zu schützen. Das tun sie bis zur absoluten Selbstaufgabe. Kommt ihnen nicht dumm, dann kommen sie euch auch nicht dumm.
Im Kasemattenbereich herrschte gedämpftes Treiben. Stimmen hinter geschlossenen Türen. Das Klappern von Ausrüstung. Jemand, dem man anhand seiner Ausstattung eine medizinische Profession ansah, überquerte ihren Weg mit einem Tablett voller Instrumente, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Es gab einige Servitoren, die verschiedenen Arbeiten nachgingen.
In den Fluren lagen dicke Kabel. Manchmal am Rand verlegt, manchmal mitten im Weg als potenzielle Stolperfalle. Außerdem hatte der Ort einen gewissen sakralen Einfluss erfahren. Nischen waren immer wieder durch Kerzen erhellt und beleuchteten verschiedene Devotionalien, denen dadurch kleine Schreine gleichkamen.
Auch hierzu erklärte Elvira: Der Herr Inquisitor ist natürlich gefestigter in seinem Glauben als wir alle zusammen. Er legt aber keinen großen Wert auf Ikonen und dergleichen. Ihm ist jedoch bewusst, dass viele aus seinem Gefolge greifbare Glaubenssymbole wie einen Tabernakel oder heilige Objekte für ihr Seelenheil als hilfreich erachten – gerade jene, die auf Missionen Dinge sehen, die ihre Frömmigkeit herausfordern. Wir haben einen Kaplan in unseren Reihen. Wenn einer von euch sich das Gewissen erleichtern will, sucht ihn auf.
Der Inquisitor selbst ließ sich nicht blicken. Und dennoch war er zu spüren. In der Art, wie die Gardisten geradeaus schauten und schwiegen. In der zielstrebigen Geschäftigkeit, die sich durch die Gänge zog wie ein leiser Unterton. Jeder schien seine Aufgabe genau zu kennen und ihr mit äußerster Konzentration nachzugehen.
Vor einer gepanzerten Tür, vor der eine weitere Wache stand, trennten sich ihre Wege.
Ich werde mich um unseren Gast kümmern, erklärte Elvira und klopfte auf die Gefangene, als wäre sie ein gut abgehangenes Stück Fleisch. Sie hat einen Termin mit dem Inquisitor und einigen seiner Verhörspezialisten. Ruht euch aus, esst etwas und duscht. 
Vor allem Letzteres wäre wichtig. 
In etwa zehn Stunden werdet ihr den Herrn Inquisitor kennenlernen.
Ich lasse euch rechtzeitig informieren. 
Bis hier her gute Arbeit meine Herren.
Die Tür öffnete sich, und der Servitor zwängte seine Masse samt Gefangener hinein. Elvira folgte geziert. 
Kurz sah man einen gekachelten Raum mit einem Stuhl in der Mitte, der entfernt an den einer Zahnarztpraxis erinnerte. Scheinwerfer. Rollschränke mit chromfunkelnden Instrumenten. Im schattigen Hintergrund schwarze Maschinen, die tief brummten.
Ein Mann in einem grünen Plastikkittel, die Hände in Silikonhandschuhen erhoben, als wären sie Werkzeuge, die vor ihrer Nutzung nicht für Profanes gebraucht werden durften, sah kurz über seine Schutzmaske hinweg zu ihnen.

Dann schloss sich die Tür und sperrte sie aus.
Zitieren


Nachrichten in diesem Thema
Läuterung - von Die Stimme - 02-19-2025, 10:38 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 02-21-2025, 03:51 PM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 03-03-2025, 01:08 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 03-05-2025, 12:53 PM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 03-14-2025, 01:20 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 03-17-2025, 09:55 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 03-24-2025, 03:14 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 03-26-2025, 03:22 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 03-29-2025, 06:50 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 04-01-2025, 02:02 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 04-07-2025, 08:43 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 04-09-2025, 02:05 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 04-24-2025, 08:55 AM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 04-29-2025, 12:52 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 04-29-2025, 02:14 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 05-13-2025, 09:07 AM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 05-22-2025, 05:10 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 06-25-2025, 03:16 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 07-01-2025, 05:47 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 07-06-2025, 03:17 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 07-14-2025, 06:12 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 07-20-2025, 11:57 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 07-28-2025, 08:42 AM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 08-04-2025, 04:26 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 08-07-2025, 09:18 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 08-13-2025, 08:12 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 08-21-2025, 12:18 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 08-29-2025, 06:36 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 09-04-2025, 03:48 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 09-12-2025, 12:44 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 09-19-2025, 12:04 PM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 09-25-2025, 08:44 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 10-01-2025, 11:47 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 10-07-2025, 09:07 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 10-19-2025, 08:33 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 10-28-2025, 10:52 AM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 11-08-2025, 01:46 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 11-19-2025, 09:47 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 11-23-2025, 03:57 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 11-25-2025, 07:37 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 11-28-2025, 03:10 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 12-01-2025, 01:40 AM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 12-08-2025, 07:44 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 12-15-2025, 02:15 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 12-20-2025, 11:54 AM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 12-28-2025, 06:16 PM
RE: Läuterung - von Ralph Duhaney - 01-12-2026, 01:29 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 01-14-2026, 01:50 PM
RE: Läuterung - von Cassian Khline - 01-24-2026, 04:22 AM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 01-31-2026, 10:09 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 02-10-2026, 02:11 PM
RE: Läuterung - von Arius Kruger - 03-18-2026, 09:15 PM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 03-23-2026, 03:26 PM
RE: Läuterung - von Cassian Khline - 03-31-2026, 12:55 AM
RE: Läuterung - von Kurt Messer - 04-07-2026, 02:49 PM
RE: Läuterung - von Die Stimme - 04-16-2026, 01:05 PM

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste