08-13-2025, 08:12 PM
Die Lichter der Stadt spiegelten sich als ablaufendes Band im schmutzigen Glas des Transporters. Die drei Männer dahinter waren bestenfalls als Schemen zu erkennen. Doc hatte ihre Rostlaube durch die trostlosen Straßen der Ebene gesteuert und war dann auf die Transit 112 gefahren. Ihr Startpunkt lag in relativer Nähe zum Hafen, was in der Terminologie der Makropol bedeute, das ihren eine vier bis fünfstündige Fahrt bevorstand. Der Verkehr auf den Schnellstraßen verlief noch einigermaßen flüssig. Das änderte sich, als sie sich dem Hafenbereich näherten. Erst langsam, dann stockend, dann staute es sich. Auf Verkehrsregeln gab man hier nicht mehr viel. Hupen ersetzte jedwede Form von Angabe einer Richtungsänderung, Motorräder und Roller schlängelten sich selbstmörderisch zwischen aufragenden Lastwagen hindurch, die auf die sie umschwirrenden, zweirädrigen Insekten keine Rücksicht nahmen, wenn sie versuchten eine Spur zu wechseln, oder noch ein paar Zentimeter Abstand zum Vordermann zu reduzieren. Kurt rauchte bei halb geöffnetem Fenster. Die Abgase, die ins Wageninnere drangen machten das Rauchen wohl auch zur gesünderen Methode des Atmens. Einem Händler, der die Positions seines kleinen Kochstands in der Mitte der Straße gewählt hatte, verkaufte Ka’Thun Bao. Die kleine erhöhte Betoninsel, auf der sich ein Verkehrsschild erhob, gab ihm dabei einen rudimentären Schutz vor dem Überfahrenwerden. Kurt stieg aus und besorgte ihnen sechs davon. Offene Teigtaschen, grob und ungleichmäßig geformt, jede kaum größer als eine Männerfaust. Die Teighülle war dick und zäh, an den Rändern knusprig angebrannt, während das Innere noch weich und klebrig war. Oben offen wie eine kleine Schale, gab sie den Blick frei auf eine dampfende Füllung aus fein gehackten, gekochten Fischinnereien – eine Mischung aus milchig-weißen Leberstücken, dunklen, ölig glänzenden Magenstreifen und etwas, das aussah wie… nun wie anderes. Über das Ganze hatte der Händler mit einer schmalen Kelle eine Brühe gegossen, die in ihrer Konsistenz irgendwo zwischen Suppe und Öl lag, definitiv aber eher wie Letzteres aussah. Sie schimmerte tief Schwart und trug in sich winzige rote Chili-Flocken, gehackten Lauch und Sesamkörner. Sofort roch der ganze Wagen danach – kräftig, salzig, metallisch und mit einer unterschwelligen Süße, die von dem fermentierten Fischöl kam, das wahrscheinlich schon seit Monaten in einem Fass reifte. Wenns unten bleibt ist es echt gut. Kommentierte Kurt und biss in seinen Bao. Heiß wie die Hölle, murmelte er, während er kaute. Greift zu, Leute. Sie waren clever genug gewese sich einige Feldflaschen mit Wasser abzufüllen. Das Leitungswasser aus dem Bunker hatte einen leicht chemischen Geschmack, war aber genießbar. Kurt spülte die Mahlzeit damit herunter und wusch sich Gesicht und Hände nach der fettigen Angelegenheit. Doc machte seine Sache gut. Nur einmal berührten sie ein anderes Fahrzeug, das hart bremste, um nicht seinerzeit aufzufahren. Da sich alles im Schneckentempo abspielte kam es zu keiner wirklichen Beschädigung und selbst wenn, beide Karren waren von vornherein bereits so verbeult, dass es keinen Unterschied gemacht hatte. Der Fahrer des anderen Autos schimpfte in den Rückspiegel, machte aber keine Anstalten auszusteigen und sich mit den drei Kerlen hinter sich anzulegen. Abgesehen davon passierte nicht viel. Aus dem Radio leierte Cumbia, was noch der beste Indikator dafür war, dass sie dem Hafenbereich näher kamen. Außerdem das einzige was sie mit dem altersschwachen Gerät reinbekamen, da es vor allem, was über den lokalen Sendestationen lag, kapitulierte. Cumbia war eigentlich immer gleich. Ein kehliger Männergesang, begleitet von einem sanft im Hintergrund mitsingenden Frauenchor, malte mit dem kantigen Akzent dieser Gegend, Geschichten von Heimkehr, schnellem Geld, dem Tod bei der Arbeit, verlorener Liebe und von Nächten, die mit salziger Luft und billigen Getränken gefüllt waren. Zwischendurch fielen kurze Ausrufe ins Mikrofon – halb gesungen, halb gerufen – die von einem blechernen Blechbläserchor beantwortet wurden, der mit warmen, etwas schiefen Tönen den Refrain unterstrich. Es war keine „feine“ Musik – zu roh, zu erdig, zu sehr durchzogen vom Klang alter, ausgeblichener Tonbänder und der billigen Instrumente. Aber hier war genau das der Soundtrack des Lebens und röhrte ihnen zwischen den Liedern aus dem eigenen Radio, aus fast jedem anderen Fahrzeug entgegen.
Endlich erreichten sie das Sektorgrenztor West 45 B. Es gab hier zwar einen Posten der PVS, der Kontrollen auf den zehn Fahrstreißen durchführte, doch sie blieben verschont. Die Soldaten konzentrierten sich auf die Ladungen der großen Trucks und waren ansonsten bemüht, den kriechenden Verkehrskollaps einigermaßen geordnet und gleichmäßig verteilt durch den Schwitzbogen zu dirigieren. Der Spitzname „Schwitzbogen“ für West 45 B stammte von einem markanten Effekt, der jedes Mal auftrat, wenn das Tor geöffnet wurde. Das passierte alle 120 Stunden, wenn West B sich mit West A abwechselte. Im Inneren der Makropole herrschte ein streng reguliertes Klima – gefilterte, entfeuchtete Luft, konstant temperiert, um Korrosion und Schimmel in den dicht bebauten Ebenen zu vermeiden. Draußen hingegen war die Atmosphäre roh, feucht und gerade auf der westlichen Meeresseite oft von Temperaturschwankungen geprägt. Sobald sich die schweren Panzerlamellen des Tores hoben und die beiden Luftmassen aufeinandertraffen, kondensiert die Feuchtigkeit der Außenluft augenblicklich an den kühlen Stahlträgern und Betonbögen der Torkonstruktion. In wenigen Sekunden bildete sich ein feiner, perlender Wasserfilm, der wie Schweiß an den Verstrebungen herablief. Bei stärkerem Temperaturunterschied tropft es regelrecht von den Querträgern, als hätte das Bauwerk selbst zu viel gearbeitet. Für Transitfahrer, Spediteure und Grenzarbeiter war dieser „Schwitzregen“, in dem sie nicht selten für Stunden stehen mussten, so typisch, dass der offizielle Name kaum benutzt wurde. Unter ihnen hielt sich der Brauch, beim Passieren des Schwitzbogens die Hand aus dem Fenster zu strecken und zu versuchen, einen Tropfen des Kondenswassers zu fangen. Angeblich brachte dieser „erste Tropfen“ Glück für die Fahrt – sollte Unfälle fernhalten, Motorpannen verhindern und selbst den Zoll gnädiger stimmen. Manche schwören sogar, dass der Tropfen nur dann wirkt, wenn man ihn auf die Stirn setzt und herabrinnen ließ. Abergläubischer Unsinn natürlich, doch wer den Schwitzbogen oft passierte, wusste: Es gab erstaunlich wenige Fahrer, die es nicht zumindest einmal ausprobiert hatten.
Nach dem Tor ging es zügiger voran. Die stählerne Struktur der Makropole gab sie frei und entließ sie in die Nacht der Außenwelt. Die Luft war alles andere als rein, aber im Vergleich zum ewig wieder veratmeten Gemisch in der Stadt eine Erfrischung. Sie verließen die Hauptstraße und begannen durch das Gewirr des Hafengebiets zu rollen. Der Hafen war keine geordnete, Drehscheibe des Welthandels – er war ein wucherndes, lärmendes Gewächs aus rostigen Kränen, schiefen Lagerhallen und einem Netz aus öligen Kanälen, die das salzige Wasser der See tief ins Herz der Anlegestellen trugen. Überall standen Container – aufeinandergetürmt wie bunte, verwitterte Bauklötze, mit zerkratzten Firmenlogos und fremden Schriftzeichen. Die Anlagen waren von gewaltigen Ausmaßen. Alles andere wäre für den Stolz einer Maktopole auch unangemessen gewesen. Zwischen diesen industriellen Kolossen hatten sich Wohnviertel eingenistet – ein Flickenteppich aus alten Ziegelbauten, improvisierten Hütten und modernen, aber längst verschmutzten Wohnsilos, die wie Schimmelpilze an den Flanken der Lagerhallen wuchsen. Hier lebten die Menschen, die den Hafen am Laufen hielten: Kranführer, Hafenarbeiter, Zollbeamte, Schmuggler, Händler und ihre Familien. Wäscheleinen spannten sich zwischen rostigen Metallträgern, Auch Nachts spielten Kinder im Schein hoher, über die Jahrzehnte verdreckten Flutlichtmasten, deren gelbes Leuchten in Schwaden durch Nebel und Dieselrauch schnitt, während ihre Eltern in den winzigen Küchenfenstern über den Gassen kochten und auf sie sahen. Der Geruch war eine Mischung aus Salzwasser, fauligem Tang, heißem Metall, verbranntem Schmieröl und dem säuerlichen Dunst billiger Garküchen, die sich zwischen Laderampen und Zäunen, in Höfen und an den Straßenrändern aneinanderdrängten. Das Dasein tickte hier nach dem Wechsel von Schichten und nicht von Tag und Nacht. Es war absonderlich. Viele Bewohner der Stadt würden ihr Lebtag nicht das natürliche Sonnenlicht auf der Haut spüren. Hier hingegen schufteten Menschen unter dem Blick des aufragenden Stadtgebirges und würden doch in der überwiegenden Mehrheit niemals veranlasst sein die Stadt direkt zu betreten. Der Bronco bahnte sich knattern und schnaufend seinen Weg zwischen LKWs und schwere Schubfahrzeuge die das brüchige Pflaster weiter gnadenlos malträtierten. Die grellen Arbeitsleuchten der stählernen Ungetüme huschten wie unstete Augen über die Fronten der Lagerhäuser. Kranführer, hoch über allem in ihren gläsernen Kabinen, bewegten die langen Arme ihrer Maschinen träge wie träumende Riesen, während das Kreischen von Stahlseilen und das dumpfe Aufsetzen von Containerwänden den Rhythmus der Nacht vorgab. Zwischen den Ladetorfronten lagen schmale Gassen, in denen Händler aus improvisierten Ständen alles anboten, was der Hafen ausspuckte – von Werkzeugen und Ersatzteilen über Schmuggelware bis zu Kisten mit nassem, noch lebendem Meeresgetier. Männer in schweren Jacken standen in Gruppen zusammen, rauchten, sprachen leise, lachten laut auf, wenn jemand eine gute Pointe setzte. Und über allem dem hing dieses ferne, unaufhörliche Hämmern – das Pochen der Werften, wo Schiffe ausgehöhlt, geflickt und wieder ins Wasser geschoben wurden. Ein unablässiger Pulsschlag aus Metall und Arbeit, der den ganzen Bezirk durchdrang – Die drei Männer waren in diesem Kosmos unbedeutend. Niemand drehte sich nach ihrer Klapperkiste um, niemand verschwendete einen ersten oder gar zweiten Gedanken an sie. Genau wie gewollt.
Kurt hatte irgendwie angenommen, dass das Jettmarkt HB in einer verlassenen Gegend zu finden war. Was sich jedoch als Irrtum herausstellte.
Das Jettmarkt HB lud potenzielle Kunden ein und war abweisend zugleich. Zwar kündeten Neonreklamen vom Jackpot, der Glückssieben und Sportwetten, die Fenster waren aber ebenso verdunkelt wie die Tür. Was drinnen vor sich ging, war nicht zu sehen. Die Fahrbahn davor zeigte sich rissig und von Jahren des schweren Verkehrs gezeichnet – tiefe Spurrinnen zogen sich durch den Asphalt, gefüllt mit schlammigem Wasser, das das schwache Licht der unregelmäßig noch funktionierenden Straßenlaternen in öligen Regenbogenfarben reflektierte. Vereinzelt rollten Fahrzeuge vorbei: ein altersschwacher Lieferwagen mit flackerndem Scheinwerfer, ein Taxi dessen Karosserie mehr Rost als Lack aufwies, hier und da ein Motorrad, das genauso müde klang wie der jeweilige Fahrer aussah..
Direkt neben dem Casino ragte ein dreistöckiges Backsteingebäude auf, das nur zu fertig mit der Welt schien, um final zusammenzufallen. Die Fenster im Erdgeschoss waren nachlässig mit Plaststreifen vernagelt, dazwischen lugten schwarze Höhlen hervor, wo einst Glas gewesen war. Schwarze streifen zeigten an, wo ein Brand einst an der Fassade geleckt hatte.
Der andere Nachbar des Casinos buhlte mit dem Jettmarkt mittels Neonlicht um Aufmerksamkeit. Ein All-Stunden-Geschäfts: "Kwik-Stop" – wobei das "i" flackerte und das ganze Wort in unregelmäßigen Abständen in ein nervöses "Kwk-Stop" verwandelte. Durch die beschlagenen Scheiben war ein junger Verkäufer zu erkennen, höchstens siebzehn, der sich gegen den Tresen lehnte und gelangweilt in einem zerfledderten Magazin blätterte. Sein Gesicht wurde vom bläulichen Schein eines alten Röhrenvids beleuchtet, der irgendein nächtliches Programm dudelte. Die Regale hinter ihm waren spärlich gefüllt – ein paar Dosen, Zigarettenstangen, billige Spirituosen und das übliche Sortiment für kulinarische Notfälle.
Zwischen den Gebäuden klafften schmale Gassen wie dunkle Wunden. Müll türmte sich dort zu kleinen Bergen: verrostete Einkaufswagen, zerplatzte Müllsäcke, aus denen Unrat quoll, kaputte Elektronik und das skelettierte Gerippe eines Fahrzeugs. In der Gasse zwischen Casion und Abbruchhaus glomm schwach die Glut einer improvisierten Feuertonne, um die sich Schatten bewegten – Menschen, die sich um die Wärme scharten, ihre Gesichter vom Flackern orange beleuchtet. Der süßlich-scharfe Geruch von brennendem Kunststoff und feuchtem Karton mischte sich mit dem allgegenwärtigen Geruch von Urin, faulendem Gemüse und der salzigen Hafenluft.
Die Straße selbst war von einem feinen Film aus Ruß und Dreck überzogen. Zigarettenstummel, zerknüllte Pappbecher und Fetzen von Zeitungen trieben im schwachen Wind umher. An den Häuserwänden der gegenüberliegenden Seite zum Casion blätterte die Farbe ab, Graffiti überschichteten sich in wilden Farbschlieren, und manche Schaufenster waren so verkratzt und blind von Jahren der Vernachlässigung, dass nicht mehr zu erkennen war, was dahinter lag. Mehr Einkaufs- als Wohngegend, was die Straße zwar nicht menschenleer, doch einigermaßen verlassen machte.
Vor dem Casino stand ein bewaffneter Wächter – ein Mann mittleren Alters mit grauem Stoppelbart, der eine verschlissene Sicherheitsjacke trug. Eine Pistole steckte sichtbar in einem Schulterholster, und er hielt eine Zigarette zwischen den Fingern, deren Glut sein wettergegerbtes Gesicht schwach beleuchtete. Neben ihm lehnte ein Gast gegen die Wand – ein hagerer Typ in einem zerknitterten Anzug, der vermutlich seine letzte Hoffnung gerade an den Automaten verspielt hatte. Die beiden unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, gelegentlich unterbrochen von einem rauen Lachen des Wächters oder einem bitteren Kommentar des Gastes. Der Rauch ihrer Zigaretten stieg träge in die feuchte Nachtluft auf und vermischte sich mit dem Dunst, der aus den Gullys quoll. All das sah das Inquisitionskommando im Vorbeirollen. Kurt griff sich eine der Gasmasken und befestigte sie gut sichtbar an seinem Gürtel. Er hoffte mit offener Verborgenheit weiterzukommen als mit Heimlichkeit.
Wie machen wir es vor Ort? Ralph wird ja das Gas einleiten. Willst du drinnen warten und alles im Auge behalten Kurt? Hatte Arius vor inzwischen über vier Stunden gefragt und Kurt hatte genickt. Genau. Ich gehe rein und verzocke meinen Wochenlohn ein bisschen. Nach etwa einer halben Stunde geh ich pissen und steck mir den Knopf ins Ohr.
Mein Rufname ist “Pilger”. Sollte Doc soweit sein, geben wir dem Affen zucker. Sollte er noch brauchen wiederholen wir das Spiel einfach eine halbe Stunde später.
Jetzt, nachdem sie im Schritttempo an ihrem Ziel vorbeigerollt waren, bedeutete er Doc anzuhalten. Er stieg aus, wobei er so laut ächzte wie der Wagen. So vernehmlich, dass man es auf der anderen Straßenseite hören konnte, sagte er: Und wenn schon… meine Alte macht so sowieso Terror. Sie muss keinen Giftmüll schippen um die Kohle ranzuschaffen. Also soll sie Maul halten und einen Mann mit seinem Lohn machen lassen was er, Thron noch mal will. Damit schlug er die Wagentür zu und klopfte aufs Dach. Sehen uns morgen Jungs. Gleiche Stelle, gleicher Dreck. Er spuckte aus, steckte die Hände in die Taschen, zog den Kopf zwischen die Schultern und überquerte die Straße.
Nabend Chef, sprach er den Wächter vor der Tür an. Schmeißen die Biester heute?
Der Mann im Anzug antwortete erbost Überhaupt nicht. Fressen nur.
Scheiße... Kurt blieb etwas unsicher stehen und schien zu überlegen es doch lieber sein zu lassen.
Ach Schwachsinn. Grinste der Türsteher. Vielleicht ist ja heute den Glückstag Kumpel. Er hielt Kurt die Tür auf.
Na ganz bestimmt sogar. Sagte der und trat ein.
Endlich erreichten sie das Sektorgrenztor West 45 B. Es gab hier zwar einen Posten der PVS, der Kontrollen auf den zehn Fahrstreißen durchführte, doch sie blieben verschont. Die Soldaten konzentrierten sich auf die Ladungen der großen Trucks und waren ansonsten bemüht, den kriechenden Verkehrskollaps einigermaßen geordnet und gleichmäßig verteilt durch den Schwitzbogen zu dirigieren. Der Spitzname „Schwitzbogen“ für West 45 B stammte von einem markanten Effekt, der jedes Mal auftrat, wenn das Tor geöffnet wurde. Das passierte alle 120 Stunden, wenn West B sich mit West A abwechselte. Im Inneren der Makropole herrschte ein streng reguliertes Klima – gefilterte, entfeuchtete Luft, konstant temperiert, um Korrosion und Schimmel in den dicht bebauten Ebenen zu vermeiden. Draußen hingegen war die Atmosphäre roh, feucht und gerade auf der westlichen Meeresseite oft von Temperaturschwankungen geprägt. Sobald sich die schweren Panzerlamellen des Tores hoben und die beiden Luftmassen aufeinandertraffen, kondensiert die Feuchtigkeit der Außenluft augenblicklich an den kühlen Stahlträgern und Betonbögen der Torkonstruktion. In wenigen Sekunden bildete sich ein feiner, perlender Wasserfilm, der wie Schweiß an den Verstrebungen herablief. Bei stärkerem Temperaturunterschied tropft es regelrecht von den Querträgern, als hätte das Bauwerk selbst zu viel gearbeitet. Für Transitfahrer, Spediteure und Grenzarbeiter war dieser „Schwitzregen“, in dem sie nicht selten für Stunden stehen mussten, so typisch, dass der offizielle Name kaum benutzt wurde. Unter ihnen hielt sich der Brauch, beim Passieren des Schwitzbogens die Hand aus dem Fenster zu strecken und zu versuchen, einen Tropfen des Kondenswassers zu fangen. Angeblich brachte dieser „erste Tropfen“ Glück für die Fahrt – sollte Unfälle fernhalten, Motorpannen verhindern und selbst den Zoll gnädiger stimmen. Manche schwören sogar, dass der Tropfen nur dann wirkt, wenn man ihn auf die Stirn setzt und herabrinnen ließ. Abergläubischer Unsinn natürlich, doch wer den Schwitzbogen oft passierte, wusste: Es gab erstaunlich wenige Fahrer, die es nicht zumindest einmal ausprobiert hatten.
Nach dem Tor ging es zügiger voran. Die stählerne Struktur der Makropole gab sie frei und entließ sie in die Nacht der Außenwelt. Die Luft war alles andere als rein, aber im Vergleich zum ewig wieder veratmeten Gemisch in der Stadt eine Erfrischung. Sie verließen die Hauptstraße und begannen durch das Gewirr des Hafengebiets zu rollen. Der Hafen war keine geordnete, Drehscheibe des Welthandels – er war ein wucherndes, lärmendes Gewächs aus rostigen Kränen, schiefen Lagerhallen und einem Netz aus öligen Kanälen, die das salzige Wasser der See tief ins Herz der Anlegestellen trugen. Überall standen Container – aufeinandergetürmt wie bunte, verwitterte Bauklötze, mit zerkratzten Firmenlogos und fremden Schriftzeichen. Die Anlagen waren von gewaltigen Ausmaßen. Alles andere wäre für den Stolz einer Maktopole auch unangemessen gewesen. Zwischen diesen industriellen Kolossen hatten sich Wohnviertel eingenistet – ein Flickenteppich aus alten Ziegelbauten, improvisierten Hütten und modernen, aber längst verschmutzten Wohnsilos, die wie Schimmelpilze an den Flanken der Lagerhallen wuchsen. Hier lebten die Menschen, die den Hafen am Laufen hielten: Kranführer, Hafenarbeiter, Zollbeamte, Schmuggler, Händler und ihre Familien. Wäscheleinen spannten sich zwischen rostigen Metallträgern, Auch Nachts spielten Kinder im Schein hoher, über die Jahrzehnte verdreckten Flutlichtmasten, deren gelbes Leuchten in Schwaden durch Nebel und Dieselrauch schnitt, während ihre Eltern in den winzigen Küchenfenstern über den Gassen kochten und auf sie sahen. Der Geruch war eine Mischung aus Salzwasser, fauligem Tang, heißem Metall, verbranntem Schmieröl und dem säuerlichen Dunst billiger Garküchen, die sich zwischen Laderampen und Zäunen, in Höfen und an den Straßenrändern aneinanderdrängten. Das Dasein tickte hier nach dem Wechsel von Schichten und nicht von Tag und Nacht. Es war absonderlich. Viele Bewohner der Stadt würden ihr Lebtag nicht das natürliche Sonnenlicht auf der Haut spüren. Hier hingegen schufteten Menschen unter dem Blick des aufragenden Stadtgebirges und würden doch in der überwiegenden Mehrheit niemals veranlasst sein die Stadt direkt zu betreten. Der Bronco bahnte sich knattern und schnaufend seinen Weg zwischen LKWs und schwere Schubfahrzeuge die das brüchige Pflaster weiter gnadenlos malträtierten. Die grellen Arbeitsleuchten der stählernen Ungetüme huschten wie unstete Augen über die Fronten der Lagerhäuser. Kranführer, hoch über allem in ihren gläsernen Kabinen, bewegten die langen Arme ihrer Maschinen träge wie träumende Riesen, während das Kreischen von Stahlseilen und das dumpfe Aufsetzen von Containerwänden den Rhythmus der Nacht vorgab. Zwischen den Ladetorfronten lagen schmale Gassen, in denen Händler aus improvisierten Ständen alles anboten, was der Hafen ausspuckte – von Werkzeugen und Ersatzteilen über Schmuggelware bis zu Kisten mit nassem, noch lebendem Meeresgetier. Männer in schweren Jacken standen in Gruppen zusammen, rauchten, sprachen leise, lachten laut auf, wenn jemand eine gute Pointe setzte. Und über allem dem hing dieses ferne, unaufhörliche Hämmern – das Pochen der Werften, wo Schiffe ausgehöhlt, geflickt und wieder ins Wasser geschoben wurden. Ein unablässiger Pulsschlag aus Metall und Arbeit, der den ganzen Bezirk durchdrang – Die drei Männer waren in diesem Kosmos unbedeutend. Niemand drehte sich nach ihrer Klapperkiste um, niemand verschwendete einen ersten oder gar zweiten Gedanken an sie. Genau wie gewollt.
Kurt hatte irgendwie angenommen, dass das Jettmarkt HB in einer verlassenen Gegend zu finden war. Was sich jedoch als Irrtum herausstellte.
Das Jettmarkt HB lud potenzielle Kunden ein und war abweisend zugleich. Zwar kündeten Neonreklamen vom Jackpot, der Glückssieben und Sportwetten, die Fenster waren aber ebenso verdunkelt wie die Tür. Was drinnen vor sich ging, war nicht zu sehen. Die Fahrbahn davor zeigte sich rissig und von Jahren des schweren Verkehrs gezeichnet – tiefe Spurrinnen zogen sich durch den Asphalt, gefüllt mit schlammigem Wasser, das das schwache Licht der unregelmäßig noch funktionierenden Straßenlaternen in öligen Regenbogenfarben reflektierte. Vereinzelt rollten Fahrzeuge vorbei: ein altersschwacher Lieferwagen mit flackerndem Scheinwerfer, ein Taxi dessen Karosserie mehr Rost als Lack aufwies, hier und da ein Motorrad, das genauso müde klang wie der jeweilige Fahrer aussah..
Direkt neben dem Casino ragte ein dreistöckiges Backsteingebäude auf, das nur zu fertig mit der Welt schien, um final zusammenzufallen. Die Fenster im Erdgeschoss waren nachlässig mit Plaststreifen vernagelt, dazwischen lugten schwarze Höhlen hervor, wo einst Glas gewesen war. Schwarze streifen zeigten an, wo ein Brand einst an der Fassade geleckt hatte.
Der andere Nachbar des Casinos buhlte mit dem Jettmarkt mittels Neonlicht um Aufmerksamkeit. Ein All-Stunden-Geschäfts: "Kwik-Stop" – wobei das "i" flackerte und das ganze Wort in unregelmäßigen Abständen in ein nervöses "Kwk-Stop" verwandelte. Durch die beschlagenen Scheiben war ein junger Verkäufer zu erkennen, höchstens siebzehn, der sich gegen den Tresen lehnte und gelangweilt in einem zerfledderten Magazin blätterte. Sein Gesicht wurde vom bläulichen Schein eines alten Röhrenvids beleuchtet, der irgendein nächtliches Programm dudelte. Die Regale hinter ihm waren spärlich gefüllt – ein paar Dosen, Zigarettenstangen, billige Spirituosen und das übliche Sortiment für kulinarische Notfälle.
Zwischen den Gebäuden klafften schmale Gassen wie dunkle Wunden. Müll türmte sich dort zu kleinen Bergen: verrostete Einkaufswagen, zerplatzte Müllsäcke, aus denen Unrat quoll, kaputte Elektronik und das skelettierte Gerippe eines Fahrzeugs. In der Gasse zwischen Casion und Abbruchhaus glomm schwach die Glut einer improvisierten Feuertonne, um die sich Schatten bewegten – Menschen, die sich um die Wärme scharten, ihre Gesichter vom Flackern orange beleuchtet. Der süßlich-scharfe Geruch von brennendem Kunststoff und feuchtem Karton mischte sich mit dem allgegenwärtigen Geruch von Urin, faulendem Gemüse und der salzigen Hafenluft.
Die Straße selbst war von einem feinen Film aus Ruß und Dreck überzogen. Zigarettenstummel, zerknüllte Pappbecher und Fetzen von Zeitungen trieben im schwachen Wind umher. An den Häuserwänden der gegenüberliegenden Seite zum Casion blätterte die Farbe ab, Graffiti überschichteten sich in wilden Farbschlieren, und manche Schaufenster waren so verkratzt und blind von Jahren der Vernachlässigung, dass nicht mehr zu erkennen war, was dahinter lag. Mehr Einkaufs- als Wohngegend, was die Straße zwar nicht menschenleer, doch einigermaßen verlassen machte.
Vor dem Casino stand ein bewaffneter Wächter – ein Mann mittleren Alters mit grauem Stoppelbart, der eine verschlissene Sicherheitsjacke trug. Eine Pistole steckte sichtbar in einem Schulterholster, und er hielt eine Zigarette zwischen den Fingern, deren Glut sein wettergegerbtes Gesicht schwach beleuchtete. Neben ihm lehnte ein Gast gegen die Wand – ein hagerer Typ in einem zerknitterten Anzug, der vermutlich seine letzte Hoffnung gerade an den Automaten verspielt hatte. Die beiden unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, gelegentlich unterbrochen von einem rauen Lachen des Wächters oder einem bitteren Kommentar des Gastes. Der Rauch ihrer Zigaretten stieg träge in die feuchte Nachtluft auf und vermischte sich mit dem Dunst, der aus den Gullys quoll. All das sah das Inquisitionskommando im Vorbeirollen. Kurt griff sich eine der Gasmasken und befestigte sie gut sichtbar an seinem Gürtel. Er hoffte mit offener Verborgenheit weiterzukommen als mit Heimlichkeit.
Wie machen wir es vor Ort? Ralph wird ja das Gas einleiten. Willst du drinnen warten und alles im Auge behalten Kurt? Hatte Arius vor inzwischen über vier Stunden gefragt und Kurt hatte genickt. Genau. Ich gehe rein und verzocke meinen Wochenlohn ein bisschen. Nach etwa einer halben Stunde geh ich pissen und steck mir den Knopf ins Ohr.
Mein Rufname ist “Pilger”. Sollte Doc soweit sein, geben wir dem Affen zucker. Sollte er noch brauchen wiederholen wir das Spiel einfach eine halbe Stunde später.
Jetzt, nachdem sie im Schritttempo an ihrem Ziel vorbeigerollt waren, bedeutete er Doc anzuhalten. Er stieg aus, wobei er so laut ächzte wie der Wagen. So vernehmlich, dass man es auf der anderen Straßenseite hören konnte, sagte er: Und wenn schon… meine Alte macht so sowieso Terror. Sie muss keinen Giftmüll schippen um die Kohle ranzuschaffen. Also soll sie Maul halten und einen Mann mit seinem Lohn machen lassen was er, Thron noch mal will. Damit schlug er die Wagentür zu und klopfte aufs Dach. Sehen uns morgen Jungs. Gleiche Stelle, gleicher Dreck. Er spuckte aus, steckte die Hände in die Taschen, zog den Kopf zwischen die Schultern und überquerte die Straße.
Nabend Chef, sprach er den Wächter vor der Tür an. Schmeißen die Biester heute?
Der Mann im Anzug antwortete erbost Überhaupt nicht. Fressen nur.
Scheiße... Kurt blieb etwas unsicher stehen und schien zu überlegen es doch lieber sein zu lassen.
Ach Schwachsinn. Grinste der Türsteher. Vielleicht ist ja heute den Glückstag Kumpel. Er hielt Kurt die Tür auf.
Na ganz bestimmt sogar. Sagte der und trat ein.
Name: Kurt Messer
Rufzeichen:
Rasse & Zugehörigkeit: Mensch, Imperium
Alter: um die 40 Standardjahre
Aussehen: 1,85m groß, kurzes, blondes Haar, blaue Augen, drahtige Erscheinung, Narben auf der linken Gesichtshälfte und Stirn, markanter Goldzahn, selbstbewusstes Auftreten.
Kleidung: Kleidung Inquisitionsgarde
Ausrüstung: Messer, Die Friedensstifter (2x vom Mechanikus gefertigte, großkalibrige Revolver (nur bei Bedarf am Mann)), Sechsschüsser Revolver als Seitenwaffe
Rufzeichen:
Rasse & Zugehörigkeit: Mensch, Imperium
Alter: um die 40 Standardjahre
Aussehen: 1,85m groß, kurzes, blondes Haar, blaue Augen, drahtige Erscheinung, Narben auf der linken Gesichtshälfte und Stirn, markanter Goldzahn, selbstbewusstes Auftreten.
Kleidung: Kleidung Inquisitionsgarde
Ausrüstung: Messer, Die Friedensstifter (2x vom Mechanikus gefertigte, großkalibrige Revolver (nur bei Bedarf am Mann)), Sechsschüsser Revolver als Seitenwaffe
„Er zog nicht schnell – die Zeit wich nur höflich zur Seite, wenn er es tat.“