08-21-2025, 03:57 PM
Die Besprechung zog sich hin.
Über Stunden, während die Teilnehmer nacheinander ihre Punkte vortrugen, Einwände formulierten und über jedes Detail stritten.
Kleinlich mochte man meinen, aber es waren Details, die am Ende des Tages Leben retten konnten. Offiziere riefen Tabellen auf, gingen Navigationsprognosen durch und klopften Versorgungsketten auf Unstimmigkeiten ab.
Für jede vorgeschlagene Option wurde eine Gegenseite laut, die mögliche Risiken auflistete. Schon die Frage, wie viele Personal im Fall einer gefechtsmäßigen Landung in welcher Zeit verlegt werden konnten, führte zu hitzigen Wortgefechten zwischen Logistikern und Strategen.
So fraß die Zeit die Geduld der Anwesenden. Erst nach Stunden schien sich ein gemeinsamer Nenner herauszuschälen. Jetzt begann der nächste Schritt: Die vorgeschlagenen Maßnahmenpakete – ob diplomatisch, militärisch oder logistisch – wurden Stück für Stück durchgerechnet und auf ihre Plausibilität überprüft.
Entsprechend erschöpft sahen alle aus, als die Ergebnisse endlich als final abgesegnet wurden und jeder sich daran machte, die ihm übertragenen Aufgaben in Angriff zu nehmen.
Ein Navigationsoffizier hatte vor der Tür gewartet und übergab von Karstein die Informationen bezüglich des weiteren Fluges. Auf zwei dünnen Folienpapieren war sowohl eine schematische Darstellung durch das Sorlon-System zu sehen wie auch eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Flugstationen bis nach Koron 3.
Wünschen Sie eine Erläuterung, Investigator?, erfragte der junge Offizier mit dem Schneid jener, die noch nicht zu oft eine Aufgabe übertragen bekommen hatten, die sich von ihren sonstigen Dienstpflichten unterschied. Unter anderen Umständen hätte von Karstein den Burschen vielleicht sein Sprüchlein aufsagen lassen, doch für die nächsten paar Stunden hatte er genug Daten und Fakten vorgebetet bekommen. Er überflog die Erläuterung selbst.
Von der aktuellen Position aus war eine Initialbeschleunigung entlang des Silberstieg-Vektors vorgesehen, um eine stabile Transferellipse einzuleiten. Nach 28 Stunden Flugzeit musste das Schiff um 13,4° auf die Sorlon-Ekliptik gedreht werden, um den Driftwinkel zum Systemausläufer zu minimieren.
Die Route führte nahe an Tallay vorbei, wo der Perihelbogen der planetaren Masselinie genutzt werden konnte. Das Gravitationsträgheitsfeld des Einseitendrehers erlaubte es, die Geschwindigkeit um rund 0,8 % effizienter zu modulieren, ohne zusätzliche Brennstofflast. Bei einem Abstand von exakt 250.000 Kilometern zur Tag-Nacht-Grenze ließ sich ein Kontakt mit den dortigen Atmosphärenauswürfen vermeiden.
Von dort verlief die Reise über eine Konjunktionsbahn entlang des subsolaren Beschleunigungsbogens, der das Schiff innerhalb von 55 Stunden in die Nähe des inneren Systems brachte. Um den gravitativen Einfluss von Modsognir zu umgehen, sah die Route den Umweg über den Epizyklenbogen 3 vor, was eine ruhige Annäherung gewährleistete.
Der finale Einflug auf Koron 3 erfolgte über die Alpha-Standard-Anflugspirale, die durch die Flottenkommandantur freigegeben war. Diese Spirale führte in eine polare Einschleusung und erlaubte den direkten Eintritt in die planetaren Verkehrskorridore über Gohmor.
Von Karstein nickte die Sache als zur Kenntnis genommen ab und wandte sich doch noch einmal an den Offizier.
Irgendein neuer Sachstand zur Concordia und dem Inquisitionsschiff?
Keine Kommunikation an uns und keine Kommunikation zwischen der Inquisition und den Koronern. Man scheint ein persönliches Treffen anberaumen zu wollen. Rendezvouspunkt der Schiffe liegt an einem Punkt ohne nennenswerte Besonderheit in etwa acht Stunden Entfernung. Bei einer zunehmenden Entfernung von uns zum Punkt von 1,8 Millionen Kilometern. Gefechtsbereitschaft ist noch nicht aufgehoben.“
Letzteres sagte er auffällig unbetont und beiläufig. Ein wie auch immer zu deutender Wink auf den Umstand, dass die Anordnung des Investigators nach wie vor galt. Von Karstein entließ den Offizier mit einer knappen Handbewegung und begab sich in sein Quartier. Auf der Brücke war er vorläufig nicht gut gelitten und es schien klüger, abzuwarten, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten.
Der Weg zu seinen Räumen führte ihn durch mehrere Korridore, vorbei an dunklen Wartungsschächten, deren vergitterte Türen das leise Zischen der Ventilatoren hindurchließen. Servoschädel summten über ihm hinweg, während Matrosen Platz machten, wenn der Investigator mit schwerem Schritt und flatterndem Mantel vorbeiging. Die Gänge waren hell erleuchtet, doch es roch nach Maschinenöl und Metallstaub – der vertraute Geruch eines Schiffs, das nie ganz zur Ruhe kam.
Vor seinem Quartier stand ein Rollwägelchen, auf dessem Rand Otto saß und ihn mit leisem Vorwurf ansah.
In dem Wagen waren Bücher, Ordner, Hefte und zusammengebundene Papierstapel aufgeschichtet – alles, was man zu Koron 3 in den Archiven hatte finden können. Natürlich war er als Investigator nicht unvorbereitet auf seine Mission gegangen und er wusste mehr über ihren Zielplaneten als jeder andere an Bord und vermutlich mehr als mancher Koroner. Dennoch würde er jede freie Minute dazu nutzen, dieses Wissen zu vertiefen.
Er nahm ein Buch vom Wagen und las den Titel: „Strukturierung und Organisation des koronischen Bankensystems“.
Daneben stapelten sich weitere Werke: „Handelsströme und Zolllogistik im Sorlon-System“;„Von Septinanus bis Forner: Eine Geschichte der kolonialen Gouvernanz auf Koron 3“;„Ökologie und Ressourcenbewirtschaftung der Zentralwelt Koron 3“;„Kulte und Kabinette: Über die politische Kultur Gohmors“
Mit einem Knarzen schob er den Wagen, samt Vogel in sein Quartier, den Blick schon auf den Rücken der Bände geheftet.
Von Karstein erwachte mit einem Rucken. Sein Nacken schmerzte, die steife Haltung auf dem Sessel hatte ihm im Schlaf gedrückt. Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Boden, die Seiten geknickt. Er musste über einer besonders ermüdenden Passage eingeschlafen sein, die sich in endlosen Tabellen über die durchschnittliche Einsatzdauer koronischer Eskortfregatten im Verhältnis zu den Wartungsintervallen der Dockwerften auf dem koronischen Mond verlor. Die nüchternen Zahlenkolonnen hatten selbst seine Disziplin zermürbt.
Ein scharfer Signalton ließ ihn zusammenzucken. Sofort meldete sich die Gegensprechanlage mit einem kratzenden Rauschen: Investigator von Karstein, der Herr Feldmarschall erwartet Sie auf der Brücke.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, sammelte sich, und griff nach seinem Mantel.
Die Brücke der Kaisers Greif war keine Halle, die dazu einlud, sich von Pracht beeindrucken zu lassen. Sie war ein Arbeitsraum – kalt, streng und von spartanischer Nüchternheit geprägt. Nackte Stahlplatten zogen sich über Wände und Boden, einzig unterbrochen von taktischen Karten, Befehlsauszügen und Notfallprotokollen, die säuberlich fixiert waren. Der Boden aus geripptem Metall klang dumpf unter jedem Schritt, ein Geräusch, das sich unaufhörlich mit dem Brummen der Maschinen und dem gedämpften Rauschen der Lüftungen mischte. Über allem lag ein metallischer Geruch, eine Mischung aus Öl, Ozon und recycelter Luft.
Der zentrale Kommandostand erhob sich auf einer Plattform, die den gesamten Raum überblickte. Von dort aus konnte der Feldmarschall, jede Bewegung seiner Brückenoffiziere überwachen. Von Schanz saß nicht – er stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, der Blick fest auf die gewölbten Sichtfenster gerichtet, die von massiven Streben durchzogen ein gitterartiges Muster zeichneten. Nicht das es dort außer Schwärze und ein paar vereinzelter Sternenpunkte viel zu Sehen gegeben hätte.
Um den Kommandostand reihten sich die Konsolen der Offiziere in konzentrischen Kreisen. Grünliche Anzeigen warfen schummriges Licht auf Gesichter und ließen sie gespenstisch aussehen.
Von Schanz wandte sich schließlich um, sein Gesicht ein einziger Fels aus Falten und Entschlossenheit. Die Offiziere strafften sich merklich, als der Blick des Feldmarschalls über sie hinwegfegte. Na, da sind Se ja. Ich hab da wat, das könn’ Se nich nur interessieren, da brauch ich Ihr’n Rat.
Da draußen, grade vor uns, liegt Tallay. ’Ne Welt, die ich persönlich für’n janz schönen Scheißhaufen halte. Verzeihen se meine Feldlagersprache.
Reine Bergbaukiste, in den Griffeln von zig Konzernen. Uns im Grunde schnurzpiepe. Aber: als Katapultpunkt taugt se – da kriegt unser altes Mädel ’n bissken mehr Schwung. Er tätschelte die Reling.
Klar, bei de Annäherung: Freund/Feind-Kennung abgeben, wie sich’s jehört. Irjend’n Servitor spuckt ’ne automatische Bestätigung aus, und dann is Ruh’. Aber jetzt, jetzt kommt der Knaller:
Er machte eine drehende Geste und darauf hin wurde eine Audionachricht abgespielt.
Fremdes Schiff… hier folgte eine kurze Pause, als der Sprecher scheinbar etwas nachlas oder prüfte. Äh… Kaisergreif… hier spricht Aufseher zweiter Graduierung Maximilian Reddner von der Dunwell Extraction & Recovery Incorporated. Das ist ein Notruf. Ich wiederhole, das ist ein Notruf. Unsere Niederlassung wurde vor einer Woche… nein, vor neun Tagen aus dem Orbit beschossen. Von der Sektorenflotte. Ohne Vorwarnung. Wir haben eine außerplanmäßige Annäherung von drei koronischen Schiffen registriert und den Grund ihres Hierseins angefragt. Wir dachten sie sind vielleicht hinter Piraten her. Das passiert manchmal. Aber sie haben nicht geantwortet, sondern das Feuer auf unserere Niederlassung eröffnet. Die Führungsetage ist… naja sie sind tot. Wir haben versucht Kontakt zu unseren Nachbarn aufzunehmen. GOS… also das Gravenholm Ore Syndicate. Aber keine Antwort. Auch nicht von der Tectonic Industrial Alliance auf der anderen Seite der Linie. Wir haben ein Team losgeschickt, aber der Kontakt ist abgebrochen. Der Langstreckenfunk ist zerstört. Nur Nahbereich funktioniert. Bitte, wie haben 80 Seelen von vorher 123. Viele von uns sind verletzt. Bitte helfen Sie uns!
So, kommentierte von Schanz. Das is’ ’ne Nuss. Aber jetzt wird’s ’ne schwer zu knacken’de Nuss. Wir ham mehrere Maßnahm’n eingeleitet. Erstmal Funkkontakt zu den beiden andern Niederlassungen in direkter Nachbarschaft. Dieses GOS hat nur automatisiert zurückgeblökt, dass ohne entspreche’ Kennung keine Kommunikation erlaubt is und wir uns bitteschön an die Hauptniederlassung auf Koron 3 wenden sollen.
Mit dieser TIA dagegen, da hat’ ich persönlich ’ne Unterhaltung gehabt – mit ’ner sehr freundlichen Dame, wohlgemerkt –, die mir versichert hat, dass se von ’nem Notfall bei Graveholm nüscht weiß und och niemand versuch hat, Kontakt aufzunehmen.
Diese Gegend is halt recht umtriebig, wenn man’s so sagen will. Frachter kommen und gehen. Fliegen die Station auf dem Mond an und verschwinden wieder. Scheint auf den ersten Blick alles relativ regulär, keine Anzeichen für ’n großen Angriff oder sonst wat.
Aber nu’ wird’s interessant:
Drei Schiffe von der koronischen Systemflotte hocken ebenfalls in der Umgebung. Also keine Warp-Schiffe, sondern die Eigengewächse, die sich Koron 3 aus der eigenen Tasche leistet. Eine Fregatte, ein Waffenträger – so ’ne Art Kanonenboot, wenn ich mich recht entsinn – und ein Versorgungsschiff.
Wir kennen ihre genaue Position allerdings nich. Warum? Weil die ihre Signalschleifen über stationäre Funkbaken jagen.
Diese Baken dienen dazu, die Verkehrskorridore rund um Tallay und die umliegenden Monde im Blick zu behalten. Jedes an- oder abreisende Schiff pingt automatisch die nächste Bake an, wie ’ne Art Pflichtmeldung. Die Baken speichern und verstärken dat Signal, damit der Verkehr lückenlos nachverfolgt werden kann – wer, wann, wo eingetroffen oder wieder rausgegangen is. Praktisch so ’ne Art Leuchtfeuer im Nichts. Selbst wenn das Schiff längst weitergezogen is, bleibt der Eintrag erhalten und kann überprüft werden.
Offiziell dient das alles der Sicherheit und der Koordination im Schiffsverkehr. Inoffiziell heißt das: man kann jeden Schritt rekonstruieren, wenn man Zugriff auf die Datensätze hat.
Die Systemflotte- Daten sind verschlüsselt aber man wenn man och nich rausfinden kann wo se sind, weiß man doch das se da sind.
Unsere Unterhaltung fiel recht kurz aus. Im Klartext ham se uns gesagt: Wir sollen uns um unsern eigenen Dreck kümmern und uns gefälligst nich in koronische Angelegenheiten einmischen.
Und nu machen Sie mir darauf bitteschön mal einen Reim, Herr Investigator.
[/url][url=https://postimg.cc/VJXNBB5s]
Über Stunden, während die Teilnehmer nacheinander ihre Punkte vortrugen, Einwände formulierten und über jedes Detail stritten.
Kleinlich mochte man meinen, aber es waren Details, die am Ende des Tages Leben retten konnten. Offiziere riefen Tabellen auf, gingen Navigationsprognosen durch und klopften Versorgungsketten auf Unstimmigkeiten ab.
Für jede vorgeschlagene Option wurde eine Gegenseite laut, die mögliche Risiken auflistete. Schon die Frage, wie viele Personal im Fall einer gefechtsmäßigen Landung in welcher Zeit verlegt werden konnten, führte zu hitzigen Wortgefechten zwischen Logistikern und Strategen.
So fraß die Zeit die Geduld der Anwesenden. Erst nach Stunden schien sich ein gemeinsamer Nenner herauszuschälen. Jetzt begann der nächste Schritt: Die vorgeschlagenen Maßnahmenpakete – ob diplomatisch, militärisch oder logistisch – wurden Stück für Stück durchgerechnet und auf ihre Plausibilität überprüft.
Entsprechend erschöpft sahen alle aus, als die Ergebnisse endlich als final abgesegnet wurden und jeder sich daran machte, die ihm übertragenen Aufgaben in Angriff zu nehmen.
Ein Navigationsoffizier hatte vor der Tür gewartet und übergab von Karstein die Informationen bezüglich des weiteren Fluges. Auf zwei dünnen Folienpapieren war sowohl eine schematische Darstellung durch das Sorlon-System zu sehen wie auch eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Flugstationen bis nach Koron 3.
Wünschen Sie eine Erläuterung, Investigator?, erfragte der junge Offizier mit dem Schneid jener, die noch nicht zu oft eine Aufgabe übertragen bekommen hatten, die sich von ihren sonstigen Dienstpflichten unterschied. Unter anderen Umständen hätte von Karstein den Burschen vielleicht sein Sprüchlein aufsagen lassen, doch für die nächsten paar Stunden hatte er genug Daten und Fakten vorgebetet bekommen. Er überflog die Erläuterung selbst.
Von der aktuellen Position aus war eine Initialbeschleunigung entlang des Silberstieg-Vektors vorgesehen, um eine stabile Transferellipse einzuleiten. Nach 28 Stunden Flugzeit musste das Schiff um 13,4° auf die Sorlon-Ekliptik gedreht werden, um den Driftwinkel zum Systemausläufer zu minimieren.
Die Route führte nahe an Tallay vorbei, wo der Perihelbogen der planetaren Masselinie genutzt werden konnte. Das Gravitationsträgheitsfeld des Einseitendrehers erlaubte es, die Geschwindigkeit um rund 0,8 % effizienter zu modulieren, ohne zusätzliche Brennstofflast. Bei einem Abstand von exakt 250.000 Kilometern zur Tag-Nacht-Grenze ließ sich ein Kontakt mit den dortigen Atmosphärenauswürfen vermeiden.
Von dort verlief die Reise über eine Konjunktionsbahn entlang des subsolaren Beschleunigungsbogens, der das Schiff innerhalb von 55 Stunden in die Nähe des inneren Systems brachte. Um den gravitativen Einfluss von Modsognir zu umgehen, sah die Route den Umweg über den Epizyklenbogen 3 vor, was eine ruhige Annäherung gewährleistete.
Der finale Einflug auf Koron 3 erfolgte über die Alpha-Standard-Anflugspirale, die durch die Flottenkommandantur freigegeben war. Diese Spirale führte in eine polare Einschleusung und erlaubte den direkten Eintritt in die planetaren Verkehrskorridore über Gohmor.
Von Karstein nickte die Sache als zur Kenntnis genommen ab und wandte sich doch noch einmal an den Offizier.
Irgendein neuer Sachstand zur Concordia und dem Inquisitionsschiff?
Keine Kommunikation an uns und keine Kommunikation zwischen der Inquisition und den Koronern. Man scheint ein persönliches Treffen anberaumen zu wollen. Rendezvouspunkt der Schiffe liegt an einem Punkt ohne nennenswerte Besonderheit in etwa acht Stunden Entfernung. Bei einer zunehmenden Entfernung von uns zum Punkt von 1,8 Millionen Kilometern. Gefechtsbereitschaft ist noch nicht aufgehoben.“
Letzteres sagte er auffällig unbetont und beiläufig. Ein wie auch immer zu deutender Wink auf den Umstand, dass die Anordnung des Investigators nach wie vor galt. Von Karstein entließ den Offizier mit einer knappen Handbewegung und begab sich in sein Quartier. Auf der Brücke war er vorläufig nicht gut gelitten und es schien klüger, abzuwarten, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten.
Der Weg zu seinen Räumen führte ihn durch mehrere Korridore, vorbei an dunklen Wartungsschächten, deren vergitterte Türen das leise Zischen der Ventilatoren hindurchließen. Servoschädel summten über ihm hinweg, während Matrosen Platz machten, wenn der Investigator mit schwerem Schritt und flatterndem Mantel vorbeiging. Die Gänge waren hell erleuchtet, doch es roch nach Maschinenöl und Metallstaub – der vertraute Geruch eines Schiffs, das nie ganz zur Ruhe kam.
Vor seinem Quartier stand ein Rollwägelchen, auf dessem Rand Otto saß und ihn mit leisem Vorwurf ansah.
In dem Wagen waren Bücher, Ordner, Hefte und zusammengebundene Papierstapel aufgeschichtet – alles, was man zu Koron 3 in den Archiven hatte finden können. Natürlich war er als Investigator nicht unvorbereitet auf seine Mission gegangen und er wusste mehr über ihren Zielplaneten als jeder andere an Bord und vermutlich mehr als mancher Koroner. Dennoch würde er jede freie Minute dazu nutzen, dieses Wissen zu vertiefen.
Er nahm ein Buch vom Wagen und las den Titel: „Strukturierung und Organisation des koronischen Bankensystems“.
Daneben stapelten sich weitere Werke: „Handelsströme und Zolllogistik im Sorlon-System“;„Von Septinanus bis Forner: Eine Geschichte der kolonialen Gouvernanz auf Koron 3“;„Ökologie und Ressourcenbewirtschaftung der Zentralwelt Koron 3“;„Kulte und Kabinette: Über die politische Kultur Gohmors“
Mit einem Knarzen schob er den Wagen, samt Vogel in sein Quartier, den Blick schon auf den Rücken der Bände geheftet.
Von Karstein erwachte mit einem Rucken. Sein Nacken schmerzte, die steife Haltung auf dem Sessel hatte ihm im Schlaf gedrückt. Ein Buch lag aufgeschlagen auf dem Boden, die Seiten geknickt. Er musste über einer besonders ermüdenden Passage eingeschlafen sein, die sich in endlosen Tabellen über die durchschnittliche Einsatzdauer koronischer Eskortfregatten im Verhältnis zu den Wartungsintervallen der Dockwerften auf dem koronischen Mond verlor. Die nüchternen Zahlenkolonnen hatten selbst seine Disziplin zermürbt.
Ein scharfer Signalton ließ ihn zusammenzucken. Sofort meldete sich die Gegensprechanlage mit einem kratzenden Rauschen: Investigator von Karstein, der Herr Feldmarschall erwartet Sie auf der Brücke.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, sammelte sich, und griff nach seinem Mantel.
Die Brücke der Kaisers Greif war keine Halle, die dazu einlud, sich von Pracht beeindrucken zu lassen. Sie war ein Arbeitsraum – kalt, streng und von spartanischer Nüchternheit geprägt. Nackte Stahlplatten zogen sich über Wände und Boden, einzig unterbrochen von taktischen Karten, Befehlsauszügen und Notfallprotokollen, die säuberlich fixiert waren. Der Boden aus geripptem Metall klang dumpf unter jedem Schritt, ein Geräusch, das sich unaufhörlich mit dem Brummen der Maschinen und dem gedämpften Rauschen der Lüftungen mischte. Über allem lag ein metallischer Geruch, eine Mischung aus Öl, Ozon und recycelter Luft.
Der zentrale Kommandostand erhob sich auf einer Plattform, die den gesamten Raum überblickte. Von dort aus konnte der Feldmarschall, jede Bewegung seiner Brückenoffiziere überwachen. Von Schanz saß nicht – er stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, der Blick fest auf die gewölbten Sichtfenster gerichtet, die von massiven Streben durchzogen ein gitterartiges Muster zeichneten. Nicht das es dort außer Schwärze und ein paar vereinzelter Sternenpunkte viel zu Sehen gegeben hätte.
Um den Kommandostand reihten sich die Konsolen der Offiziere in konzentrischen Kreisen. Grünliche Anzeigen warfen schummriges Licht auf Gesichter und ließen sie gespenstisch aussehen.
Von Schanz wandte sich schließlich um, sein Gesicht ein einziger Fels aus Falten und Entschlossenheit. Die Offiziere strafften sich merklich, als der Blick des Feldmarschalls über sie hinwegfegte. Na, da sind Se ja. Ich hab da wat, das könn’ Se nich nur interessieren, da brauch ich Ihr’n Rat.
Da draußen, grade vor uns, liegt Tallay. ’Ne Welt, die ich persönlich für’n janz schönen Scheißhaufen halte. Verzeihen se meine Feldlagersprache.
Reine Bergbaukiste, in den Griffeln von zig Konzernen. Uns im Grunde schnurzpiepe. Aber: als Katapultpunkt taugt se – da kriegt unser altes Mädel ’n bissken mehr Schwung. Er tätschelte die Reling.
Klar, bei de Annäherung: Freund/Feind-Kennung abgeben, wie sich’s jehört. Irjend’n Servitor spuckt ’ne automatische Bestätigung aus, und dann is Ruh’. Aber jetzt, jetzt kommt der Knaller:
Er machte eine drehende Geste und darauf hin wurde eine Audionachricht abgespielt.
Fremdes Schiff… hier folgte eine kurze Pause, als der Sprecher scheinbar etwas nachlas oder prüfte. Äh… Kaisergreif… hier spricht Aufseher zweiter Graduierung Maximilian Reddner von der Dunwell Extraction & Recovery Incorporated. Das ist ein Notruf. Ich wiederhole, das ist ein Notruf. Unsere Niederlassung wurde vor einer Woche… nein, vor neun Tagen aus dem Orbit beschossen. Von der Sektorenflotte. Ohne Vorwarnung. Wir haben eine außerplanmäßige Annäherung von drei koronischen Schiffen registriert und den Grund ihres Hierseins angefragt. Wir dachten sie sind vielleicht hinter Piraten her. Das passiert manchmal. Aber sie haben nicht geantwortet, sondern das Feuer auf unserere Niederlassung eröffnet. Die Führungsetage ist… naja sie sind tot. Wir haben versucht Kontakt zu unseren Nachbarn aufzunehmen. GOS… also das Gravenholm Ore Syndicate. Aber keine Antwort. Auch nicht von der Tectonic Industrial Alliance auf der anderen Seite der Linie. Wir haben ein Team losgeschickt, aber der Kontakt ist abgebrochen. Der Langstreckenfunk ist zerstört. Nur Nahbereich funktioniert. Bitte, wie haben 80 Seelen von vorher 123. Viele von uns sind verletzt. Bitte helfen Sie uns!
So, kommentierte von Schanz. Das is’ ’ne Nuss. Aber jetzt wird’s ’ne schwer zu knacken’de Nuss. Wir ham mehrere Maßnahm’n eingeleitet. Erstmal Funkkontakt zu den beiden andern Niederlassungen in direkter Nachbarschaft. Dieses GOS hat nur automatisiert zurückgeblökt, dass ohne entspreche’ Kennung keine Kommunikation erlaubt is und wir uns bitteschön an die Hauptniederlassung auf Koron 3 wenden sollen.
Mit dieser TIA dagegen, da hat’ ich persönlich ’ne Unterhaltung gehabt – mit ’ner sehr freundlichen Dame, wohlgemerkt –, die mir versichert hat, dass se von ’nem Notfall bei Graveholm nüscht weiß und och niemand versuch hat, Kontakt aufzunehmen.
Diese Gegend is halt recht umtriebig, wenn man’s so sagen will. Frachter kommen und gehen. Fliegen die Station auf dem Mond an und verschwinden wieder. Scheint auf den ersten Blick alles relativ regulär, keine Anzeichen für ’n großen Angriff oder sonst wat.
Aber nu’ wird’s interessant:
Drei Schiffe von der koronischen Systemflotte hocken ebenfalls in der Umgebung. Also keine Warp-Schiffe, sondern die Eigengewächse, die sich Koron 3 aus der eigenen Tasche leistet. Eine Fregatte, ein Waffenträger – so ’ne Art Kanonenboot, wenn ich mich recht entsinn – und ein Versorgungsschiff.
Wir kennen ihre genaue Position allerdings nich. Warum? Weil die ihre Signalschleifen über stationäre Funkbaken jagen.
Diese Baken dienen dazu, die Verkehrskorridore rund um Tallay und die umliegenden Monde im Blick zu behalten. Jedes an- oder abreisende Schiff pingt automatisch die nächste Bake an, wie ’ne Art Pflichtmeldung. Die Baken speichern und verstärken dat Signal, damit der Verkehr lückenlos nachverfolgt werden kann – wer, wann, wo eingetroffen oder wieder rausgegangen is. Praktisch so ’ne Art Leuchtfeuer im Nichts. Selbst wenn das Schiff längst weitergezogen is, bleibt der Eintrag erhalten und kann überprüft werden.
Offiziell dient das alles der Sicherheit und der Koordination im Schiffsverkehr. Inoffiziell heißt das: man kann jeden Schritt rekonstruieren, wenn man Zugriff auf die Datensätze hat.
Die Systemflotte- Daten sind verschlüsselt aber man wenn man och nich rausfinden kann wo se sind, weiß man doch das se da sind.
Unsere Unterhaltung fiel recht kurz aus. Im Klartext ham se uns gesagt: Wir sollen uns um unsern eigenen Dreck kümmern und uns gefälligst nich in koronische Angelegenheiten einmischen.
Und nu machen Sie mir darauf bitteschön mal einen Reim, Herr Investigator.
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![[Bild: BCO-b490f41b-0c4f-492f-8106-7d5e8436cdc6.png]](https://i.postimg.cc/FHBJvT4S/BCO-b490f41b-0c4f-492f-8106-7d5e8436cdc6.png)